{"id":160,"date":"2019-03-12T19:28:26","date_gmt":"2019-03-12T18:28:26","guid":{"rendered":"http:\/\/whataboutblog.de\/?p=160"},"modified":"2019-12-12T17:03:13","modified_gmt":"2019-12-12T16:03:13","slug":"gendersprache-nachtrag-zum-vorherigen-artikel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/whataboutblog.de\/?p=160","title":{"rendered":"&#8230;&#8220;Gendersprache&#8220; &#8211; Nachtrag: Eisenbergs Suffigierungsmodell"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der erste Teil zum Thema &#8222;Gendersprache&#8220; findet sich <\/em><a href=\"http:\/\/whataboutblog.de\/?p=82\"><em>hinter diesem Link<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zwischenzeitlich habe ich mir das linguistische Standardwerk <em>&#8222;Das Wort. Grundriss der deutschen Grammatik&#8220;<\/em> von Prof. em. Dr. Eisenberg, dessen Artikel im Tagesspiegel Ausgangspunkt meiner Erwiderung war, zugelegt. Eins vorweg: Das Buch ist ein Meisterwerk zum Verst\u00e4ndnins der deutschen Sprache! Interessiert hat mich angesichts der Diskussion die wissenschaftliche Aufbereitung des Bereichs &#8222;Suffigierung&#8220; durch Prof. Dr. Eisenberg selbst, konkret um die Einordnung und Unterscheidung der Endungen <em>-er<\/em> und <em>-in<\/em> . Es zeigt sich ganz deutlich, dass der Liguist dort selber auf Ungereimtheiten und Grenzen der g\u00e4ngigen Theorie gesto\u00dfen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Suffix <em>-in<\/em> f\u00fchrt er zun\u00e4chst als &#8222;<strong>Kategorieerhaltendes Suffix<\/strong>&#8220; auf, was nichts anderes bedeutet, als dass <em>-in<\/em> an ein Nomen angeh\u00e4ngt werden kann, woraus eine Personenbezeichnung entsteht, die ebenfalls ein Nomen ist.<sup class='footnote'><a href='#marker-160-1' id='markerref-160-1' onclick='return footnotation_show(160)'>1<\/a><\/sup>  Das klingt sinnvoll, man denke an <em>Bauer &#8211; B\u00e4uerin<\/em>, <em>Kammer &#8211; K\u00e4mmerin<\/em> oder <em>Zauber &#8211; Zauberin<\/em>. Nimmt man jedoch Beispiele wie <em>Botin <\/em>(abgeleitet vom VERB<em> bieten)<\/em> oder <em>F\u00f6rderin <\/em>(abgeleitet vom VERB <em>f\u00f6rdern<\/em>), stelllt man fest, dass &#8211;<em>in<\/em> durchaus auch aus Verben ein Nomen machen kann, somit nicht ausschlie\u00dflich &#8222;kategorieerhaltend&#8220; ist. <strong>Die Einordnung durch Eisenberg kann also an dieser Stelle durchaus in Frage gestellt werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als  &#8222;<strong>Kategoriever\u00e4nderndes Suffix<\/strong>&#8220; kommt an dieser Stelle das Suffix <em>-er<\/em> ins Spiel. Der Konzeption von Eisenberg zufolge wird es an einen Verbstamm angeh\u00e4ngt, um ein Wort zu schaffen f\u00fcr die &#8222;Person, die die durch das Verb bezeichnete T\u00e4tigkeit aus\u00fcbt&#8220;<sup class='footnote'><a href='#marker-160-2' id='markerref-160-2' onclick='return footnotation_show(160)'>2<\/a><\/sup>. Auch das ist auf den ersten Blick sinnvoll, denn das Wortbildungsschema wie <em>arbeit(en) &#8211; Arbeiter<\/em>,<em> sing(en) &#8211; S\u00e4nger <\/em>oder<em> verlier(en) &#8211; Verlierer<\/em> ist in der deutschen Sprache  absolut g\u00e4ngig . Hier wird jeweils aus einem Verb ein Nomen, die Wortkategorie \u00e4ndert sich somit. Wie ist es aber mit  <em>Zauber &#8211; Zauberer<\/em>, <em>Kram &#8211; Kr\u00e4mer<\/em> oder<em> Witwe &#8211; Witwer<\/em>? In diesen F\u00e4llen bleibt die Kategorie Nomen bestehn, das Suffix ist in diesen F\u00e4llen also &#8222;kategorieerhaltend&#8220;. <strong>Folglich ist auch hier die g\u00e4ngige Einordnung des Suffixes durch Eisenberg streitbar.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun kommt jedoch der Clou: <strong>Da das Suffix <\/strong><em><strong>-er<\/strong><\/em><strong> als kategoriever\u00e4nderndes Suffix bezeichnet wird, <\/strong><em><strong>-in<\/strong><\/em><strong> jedoch nur als kategorieerhaltend, KANN nach Eisenberg im Deutschen ein Wort wie &#8222;Lehrerin&#8220; nur deshalb ein Nomen sein, weil es sich vom Verbstamm <\/strong><em><strong>lehr-<\/strong><\/em><strong> ableitet und durch <\/strong><em><strong>-er<\/strong><\/em><strong> erst in die Kategorie Nomen gebracht wird! Eine Wortkette mit mehreren Suffixen (z.B. <\/strong><em><strong>lehr -er -in<\/strong><\/em><strong>) MUSS nach Eisenberg immer nach diesem Schema gebildet werden, denn ein Verbstamm kann nicht durch <\/strong><em><strong>-in<\/strong><\/em><strong> zu einem Nomen gemacht werd, sondern ben\u00f6tigt vorangehend das <\/strong><em><strong>-er<\/strong><\/em><strong> !  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine gewagte These, f\u00fcr die schnell Gegenbeispiele gefunden werden k\u00f6nnen und daher etwas Vertiefung vertragen h\u00e4tte, doch Eisenberg geht an dieser Stelle aber lieber weiter auf das Suffix <em>-in<\/em> ein: <em>&#8222;[Das einizige feminine Suffix <strong>-in<\/strong>] verh\u00e4lt sich auch in anderer Hinsicht auff\u00e4llig: Im Allgemeinen bildet es nicht f\u00fcr sich allein Personenbezeichnungen, sondern braucht ein typisches Personensuffix wie in <strong>Sport+ler+in<\/strong>, <strong>Lehr+er+in<\/strong> (nicht <strong>*Sportin<\/strong>, <strong>*Lehrin<\/strong>).<\/em><sup class='footnote'><a href='#marker-160-3' id='markerref-160-3' onclick='return footnotation_show(160)'>3<\/a><\/sup>  Er schr\u00e4nkt mit dem Satzbaustein &#8222;im Allgemeinen&#8220; die G\u00fcltigkeit dieser Aussage  ein (wie bereits mehrmals zuvor in diesem Kapitel); man k\u00f6nnte meinen, er ahnt er, dass diese Theorie \u00e4u\u00dfert schwammig ist. Anschlie\u00dfend erg\u00e4nzt er dies n\u00e4mlich um die (aus seiner Sicht) abweichenden Wortbildungen <em>Bote &#8211; Botin<\/em>, <em>Kunde &#8211; Kundin<\/em>, in denen das Suffix <em>-in<\/em> ganz offensichtlich auch die Kategorie von Verb zu Nomen \u00e4ndert! Ich empfinde es so, dass diese Ausnahme seiner Ausgangstheorie ganz eindeutig widerspricht. Sie lie\u00dfe sich au\u00dferdem ganz einfach umgehen, wenn er das Suffix <em>-in<\/em> sowohl als kategorieerhaltendes, als auch als kategoriever\u00e4nderndes Suffix klassifizieren w\u00fcrde (das Gleich k\u00f6nnte er auch mit <em>-er<\/em> machen)! <\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss schreibt er, dass <em>-in<\/em> das einzig Suffix sei, <em>&#8222;das mit dem Femininum auch Sexus anzeigt&#8220;<\/em><sup class='footnote'><a href='#marker-160-4' id='markerref-160-4' onclick='return footnotation_show(160)'>4<\/a><\/sup>, f\u00fcr Maskulina erg\u00e4nzt er als Beispiel das Suffix <em>-ling<\/em>. Er \u00fcbersieht an dieser Stelle jedoch, dass das Suffix <em>-er<\/em> auch ein maskulines Sexus zuweisen kann: ein m\u00e4nnlicher Lehrer ist schlie\u00dflich ein <em>Lehr<\/em><strong><em>er, <\/em><\/strong>ein m\u00e4nnlicher Zauberk\u00fcnstler ist ein <em>Zauber<strong>er<\/strong><\/em> und eine m\u00e4nnliche Witwe ist ein <em>Witw<strong>er<\/strong><\/em>! Folglich wird durch die Endung <em>-er<\/em> (oder <em>-r<\/em>) das Sexus &#8222;m\u00e4nnlich&#8220; zugewiesen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong><u>Fazit:<\/u><\/strong> Die Ausf\u00fchrungen von Prof. Eisenberg zur Suffigierung sind aufschlussreich und insgesamt recht stringent. Abweichungen von der g\u00e4ngigen Lehrmeinung tut er jedoch leider nur als Ausnahmeerscheinungen ab, was ich sehr schade finde, denn eine etwas flexiblere Strukturierung der Suffixklassen h\u00e4tte die Zahl der Abweichungen deutlich reduziert: <strong>Die Einordnung von <\/strong><em><strong>-in<\/strong><\/em><strong> und <\/strong><em><strong>-er<\/strong><\/em><strong> als sowohl kategorieerhaltend, als auch kategoriever\u00e4ndernde Suffixe w\u00fcrde zahlreiche Ausnahmenennungen obsolet machen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bleibt die Frage: Warum bleibt er bei diesem Schema, obgleich er selber auf Ungereimtheiten st\u00f6\u00dft?<\/strong> <\/h4>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle mutma\u00dfe ich: <strong>Die von Prof. Dr. Eisenberg skizzierte Suffigierungsstruktur ist m\u00f6glicherweise das einzige Argument, um ein Theorem wie das &#8222;generische Maskulinum&#8220; hinreichend zu begr\u00fcnden! <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das <em>-er<\/em> als einzig kategoriever\u00e4nderndes Suffix zur Bildung von Nomen aus Verbst\u00e4mmen definiert wird, wird es f\u00fcr alle diese Wortbildungen  (Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel) obligatorisch. Eine Sexuszuweisung w\u00fcrde dann erst im n\u00e4chsten Schritt erfolgen, bspw. durch Suffixe wie <em>-in<\/em> oder <em>-ling<\/em>. (Da stellt sich mir die Frage: Wie kommt eigentlich ein m\u00e4nnliches Sexus in die Bezeichnung <em>Lehrer<\/em> f\u00fcr eine m\u00e4nnliche Lehrkraft?)<br><strong>W\u00fcrd man jedoch das <\/strong><em><strong>-in<\/strong><\/em><strong> ebenfalls als kategoriever\u00e4nderndes Suffix betrachten, das zugleich jedoch auch eindeutig ein Sexus zuweist, dann bliebe zur strukturellen Unterscheidung zwischen &#8211;<\/strong><em><strong>er<\/strong><\/em><strong> und <\/strong><em><strong>-in<\/strong><\/em><strong> nur noch, dass <\/strong><em><strong>-er<\/strong><\/em><strong> grunds\u00e4tzlich ein m\u00e4nnliches Sexus zuweist (also Bezeichnungen mit m\u00e4nnlichem Sexus bildet) und <\/strong><em><strong>-in<\/strong><\/em><strong> ein weibliches Sexus zuweist (also Bezeichnungen mit weiblichem Sexus bildet)! Damit w\u00e4re das Theorem des generische Maskulinums widerlegt, denn es w\u00e4re offensichtlich, dass mit Begriffen wie Lehrer, Verk\u00e4ufer, S\u00e4nger oder L\u00fcgner zun\u00e4chst einmal ausschlie\u00dflich m\u00e4nnliche Personen gemeint sind!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und dieses Ergebnis w\u00e4re Wasser auf die M\u00fchlen f\u00fcr die Bef\u00fcrworter gendergerechter Sprache.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Text ver\u00f6ffentlicht unter <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/\" target=\"_blank\">Lizenz CC BY-SA 4.0<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Bildquelle: <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/photos\/gedanken-idee-innovation-phantasie-2123971\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">pixabay<\/a><\/em>, <em><a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Pixabay Lizenz (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/service\/license\/\" target=\"_blank\">Pixabay Lizenz<\/a><\/em><\/p>\n\n\n<div class='footnotes' id='footnotes-160'><div class='footnotedivider'><\/div><ol><li id='marker-160-1'> Eisenberg, P.: Das Wort. Grundriss der deutschen Grammatik. 4. Aufl., Stuttgart\/ Weimer 2013, S. 259 ff. <span class='returnkey'><a href='#markerref-160-1'>&#8629;<\/a><\/span><\/li><li id='marker-160-2'> ebd., S. 261. <span class='returnkey'><a href='#markerref-160-2'>&#8629;<\/a><\/span><\/li><li id='marker-160-3'> ebd., S. 269. <span class='returnkey'><a href='#markerref-160-3'>&#8629;<\/a><\/span><\/li><li id='marker-160-4'> ebd. <span class='returnkey'><a href='#markerref-160-4'>&#8629;<\/a><\/span><\/li><\/ol><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischenzeitlich habe ich mir das Standardwerk <em>&#8222;Das Wort. Grundriss der deutschen Grammatik&#8220;<\/em> von Prof. em. Dr. Eisenberg, dessen Artikel im Tagesspiegel Ausgangspunkt meiner Erwiderung war, zugelegt. Eins vorweg: Das Buch ist ein Meisterwerk zum Verst\u00e4ndnins der deutschen Sprache! 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