{"id":398,"date":"2019-10-25T19:07:32","date_gmt":"2019-10-25T18:07:32","guid":{"rendered":"http:\/\/whataboutblog.de\/?p=398"},"modified":"2019-12-12T17:08:39","modified_gmt":"2019-12-12T16:08:39","slug":"gendersprache-wenn-das-generische-maskulinum-die-wahrheit-versteckt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/whataboutblog.de\/?p=398","title":{"rendered":"&#8230;Gendersprache &#8211; Wenn das generische Maskulinum die Wahrheit versteckt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"An anderer Stelle (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/whataboutblog.de\/?p=82\" target=\"_blank\">An anderer Stelle<\/a> <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"in diesem Blog (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/whataboutblog.de\/?p=160\" target=\"_blank\">in diesem Blog<\/a> habe ich bereits zum Thema &#8222;generisches Maskulinum&#8220; Stellung bezogen und es aus lingustisch-wissenschaftlicher Sicht hinterfragt. J\u00fcngst heute hat die Twitter-Abteilung der Tagesschau die Problematik f\u00fcr Ihre Leser ungewollt sehr transparent gemacht. Sie hat n\u00e4mlich zu einem Bericht \u00fcber eine Studie zum Thema <\/strong><em><strong>Sexuelle Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz<\/strong><\/em><strong> in ihrer Tweet-\u00dcberschrift ein generisches Maskulinum gew\u00e4hlt, das die eigentliche Aussage die Untersuchung verdeckte. Das m\u00f6chte ich an dieser Stelle kurz ausf\u00fchren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Detail ging es um folgenden Tweet von @tagesschau.de:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"649\" height=\"626\" src=\"http:\/\/whataboutblog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/tagesschau-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-402\" srcset=\"http:\/\/whataboutblog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/tagesschau-1.jpg 649w, http:\/\/whataboutblog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/tagesschau-1-300x289.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 649px) 100vw, 649px\" \/><figcaption><em>Twitter-Screenshot; siehe <\/em><a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"https:\/\/twitter.com\/tagesschau\/status\/1187664161968398336 (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/twitter.com\/tagesschau\/status\/1187664161968398336\" target=\"_blank\"><em>https:\/\/twitter.com\/tagesschau\/status\/1187664161968398336<\/em><\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es handelt sich hierbei um ein Thema von \u00e4u\u00dferster Pr\u00e4gnanz:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Es handelt sich bei sexueller Bel\u00e4stigung um einen Straftatbestand nach  <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"\u00a7&nbsp; (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stgb\/__184i.html\" target=\"_blank\">\u00a7&nbsp;184i StGB<\/a>, welcher durch das <em><a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.bmjv.de\/SharedDocs\/Gesetzgebungsverfahren\/DE\/SchutzSexuelleSelbstbestimmung.html\" target=\"_blank\">Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung<\/a><\/em> pr\u00e4zisiert wird.<\/li><li>Im Rahmen der Gleichstellungsgesetzgebung wurde dieser Straftatbestand explizit noch einmal als besondere Form der Benachteiligung ins <em>Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz<\/em> aufgenommen und dort in <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"\u00a7 3 Abs. 3, 4 (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/agg\/__3.html\" target=\"_blank\">\u00a7 3 Abs. 3, 4<\/a> ausformuliert.<\/li><li>Ganz aktuell wurde das Thema aufgegriffen im Hinblick auf das gerade in Sozialen Netzwerken leider immer h\u00e4ufiger anzutreffende Ph\u00e4nomen des <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Upskirting (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0sZKANb4GQo\" target=\"_blank\">Upskirting<\/a>. Dabei wird Frauen heimlich eine Kamera unter den Rock gehalten, ein Foto angefertigt und dieses \u00fcber das weltweite Netz geteilt. Auch dieses uns\u00e4gliche Vorgehen soll nun <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"durch ein Gesetz zur Straftat gemacht werden (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesetz-upskirting-101.html\" target=\"_blank\">durch ein Gesetz zur Straftat gemacht werden<\/a>.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Daher sind Erhebungen zu dem Thema richtig und wichtig, und es st\u00f6st mir jedesmal sehr sauer auf, wenn ich mir die schockierenden Zahlen vor Augen f\u00fchre. So auch bei diesem Teaser: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>&#8222;<\/em>Jeder Elfte erlebt sexuelle Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Rein statistisch bedeutet das, dass aus meinem Freundes-, Bekannten- und Familienkreis eine Vielzahl an Menschen bereits Derartiges erleiden musste &#8211; ein Gedanke, der mich mit Trauer und Zorn zugleich erf\u00fcllt. V\u00f6llig unkontrolliert und im Bruchteil einer Sekunde fliegen zig Bilder von Menschen, M\u00e4nner und Frauen in willk\u00fcrlichem Wechsel, an meinem inneren Auge vorbei, und bei jeder Person hoffe ich, dass es ihr nicht so erging. Und dennoch: Jeder elfte Mensch, der sich in einem Arbeitsverh\u00e4ltnis befindet, ist zuletzt Opfer sexuellen Missbrauchs geworden&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Satz t\u00e4uscht jedoch. Bereits im ersten Satz des Teasers wird diese Zahl n\u00e4mlich noch einmal pr\u00e4zisiert. Dort hei\u00dft es: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>&#8222;Rund jede achte <\/em>Frau und jeder zwanzigste Mann ist j\u00fcngst am Arbeitsplatz sexuell bel\u00e4stigt worden.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese Aussage relativiert die \u00dcberschrift entscheidend: Frauen werden mehr als doppelt so h\u00e4ufig Opfer von sexueller Bel\u00e4stigung als M\u00e4nner! Die Gefahr f\u00fcr den einzelnen Menschen h\u00e4ngt also eindeutig vom Geschlecht ab; f\u00fcr weibliche Berufst\u00e4tige ist die Gefahr deutlich gr\u00f6\u00dfer als f\u00fcr m\u00e4nnliche Mitarbeiter. Dies ist eine entscheidende Feststellung, denn hieraus lassen sich andere R\u00fcckschl\u00fcsse ziehen, als wenn Frauen und M\u00e4nner in etwa gleicher Zahl betroffen w\u00e4ren! Gerade im Hinblick auf eine Gleichstellung aller Geschlechter zeigt dieses Ergebnis eine zus\u00e4tzliche Facette des Thema <em>Diskriminierung von Frauen<\/em> auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcberschrift des Tweets gibt diese Erkenntnis jedoch mit keinem Wort wieder. Die Aussage &#8222;Jeder Elfte&#8220; suggeriert, dass M\u00e4nner und Frauen in gleichem Ma\u00df betroffen sind, was jedoch nachweislich unzutreffend ist. Folglich handelt es sich hierbei um eine Zusammenfassung, die den Inhalt der Untersuchung unzureichend wiedergibt und so die Realit\u00e4t in erheblichem Ausma\u00df verzerrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausdruck &#8222;jeder Elfte&#8220; ist zudem eindeutig ein generisches Maskulinum, welches sich (der Zusammenfassung halber) auf M\u00e4nner und Frauen zugleich bezieht. W\u00fcrde sich die Aussage nur auf M\u00e4nner beziehen, m\u00fcsste es schlie\u00dflich hei\u00dfen &#8222;jeder Zwanzigste&#8220;. Dieses generische Maskulinum verbirgt jedoch die entscheidende Wahrheit, dass diese Zahl f\u00fcr <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"46% aller Besch\u00e4ftigten in Deutschland  (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/statistik.arbeitsagentur.de\/Statischer-Content\/Arbeitsmarktberichte\/Personengruppen\/generische-Publikationen\/Frauen-Maenner-Arbeitsmarkt.pdf\" target=\"_blank\">46% aller Besch\u00e4ftigten in Deutschland <\/a>schlicht zu positiv ist! Es w\u00e4re an dieser Stelle empathielos und mehr als unpassend festzustellen, dass die Gefahr f\u00fcr 54% der Erwerbst\u00e4tigen &#8222;gl\u00fccklicherweise deutlich geringer ist&#8220;, denn auch jeder Mann, der Opfer einer Straftat wird, ist ein Opfer zu viel!<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das generische Maskulinum verschwindet jedoch die deutlich erh\u00f6hte Gefahr, der Frauen offensichtlich an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt sind, sexuell bel\u00e4stigt zu werden! Denkt man nun etwas weiter, k\u00f6nnte bei einer n\u00e4chsten Erhebung ein summiertes Ergebnis herauskommen, dass nur &#8222;jeder Dreizehnte&#8220; bereits sexuelle Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz erfahren musste. Offensichtlich w\u00fcrde das dann prim\u00e4r als eine Verbesserung der Situation f\u00fcr alle interpretiert werden,  selbst wenn sich die Zahlen f\u00fcr Frauen verschlechter und lediglich f\u00fcr M\u00e4nner deutlich verbessert h\u00e4tten! Differenzierung ist das A und O, gerade auch bei \u00dcberschriften und Zusammenfassungen! Wenn diese auf derart ungl\u00fcckliche Weise verk\u00fcrzt werden, werden schnell Ergebnisse herausgelesen, die die Realit\u00e4t schlicht nicht abbilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der aktuellen Diskussion um Gleichstellung auf der einen und gendergerechte Sprache auf der anderen Seite zeigt die Zusammenfassung &#8222;Jeder Elfte&#8230;&#8220; ganz eindeutig, welche Probleme mit einem generischen Maskulinum verbunden sind. Auch (oder vielleicht: Gerade) die Tagesschau sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen. Nicht um dem generischen Maskulinum die Existenz abzusprechen und sich enorm weit auf die Seite der Gendersprachler zu schlagen, sondern schlicht um keine verzerrten Wahrheiten abzubilden. Das sehe ich als essenzielle Pflicht f\u00fcr alle Medien an, die informieren m\u00f6chten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Text ver\u00f6ffentlicht unter <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Lizenz CC BY-SA 4.0<\/a><\/em>  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Bildquelle: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"pixabay (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/photos\/fehler-facepalm-warum-falsch-3019036\/\" target=\"_blank\">pixabay<\/a>, <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/service\/license\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Pixabay Lizenz<\/a><br><\/em><\/p>\n\n\n<p><!--EndFragment--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An anderer Stelle in diesem Blog habe ich bereits zum Thema &#8222;generisches Maskulinum&#8220; Stellung bezogen und es aus lingustisch-wissenschaftlicher Sicht hinterfragt. 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