Dieser Beitrag entstammt zu großen Teilen Beiträgen, die ich vor einigen Wochen bereits bei Facebook veröffentlicht habe. Außerdem sind Inhalte aus einer Mail-Kommunikation mit dem betreffenden Kommentator integriert. Da es sich bei seiner Antwortmail um eine standardisierte Antwort ohne persönliche Angaben handelte, gehe ich davon aus, dass ich die Inhalte öffentlich einbinden kann. Sollte dies nicht erlaubt oder erwünscht sein, bitte ich um einen Hinweis!

Eines der markantesten Merkmale von Falschmeldungen und Fake News ist, dass sie anonymen veröffentlicht und verbreitet werden und offensichtlich unbelegte Behauptungen aufstellen. Manchmal verstecken sich Fake News jedoch auch dort, wo scheinbar vertrauenswürdige Autoren ihr Fachwissen einfließen lassen.

Ein Beispiel hierfür ist der Kommentar des Bärstädter Pfarrers Eberhard Geisler zum Sprachwandel. Er behauptet darin, dass der Begriff „Mohrenkopf“ auf den Heiligen Mauritius zurückgehe, folglich sprachethisch unbelastet sei und somit eine Existanzberechtigung besitze. Seine Aussagen möchte ich in diesem Artikel untersuchen, zur besseren Verständlichkeit jedoch in einer anderen Reihenfolge als seinem Kommentar verwendet.

1. Etymologie des Begriffs „Mohr

Herr Geisler behauptet in seinem Statement, dass Einrichtungen wie die „Mohrenapotheke“ ursprünglich kirchliche Einrichtungen waren, die dem heiligen Mauritius (auf Deutsch: Sankt Moritz) geweiht waren. Der Namensbestandteil „Mohr“ stehe hierbei für Moritz/ Mauritius und nicht für die rassistische Betonung einer dunkeln Hautfarbe.

Der Heilige Mauritius stammte der Legende nach aus dem nördlichen Afrika, genauer aus Mauretanien. Gerade im Frühmittelalter wurde eher wenig Wert auf eine einheitliche Darstellung seiner Äußerlichkeiten gelegt, doch im Laufe der Jahrhunderte wurde er allmählich zu einem dunkelhäutigen Christen stilisiert.1 Die deutsche Kurzform „Mohr“ für Mauritius/ Maurice erhielt dadurch durch die Bedeutung „dunkelhäutig“, auch im Hinblick auf die Hautfarbe der damaligen Einwohner Mauretaniens. Der Begriff ist somit semantisch kongruent mit dem Begriff „Neger“, der aus dem Französischen übernommen wurde2 und betont somit das rassistische Klischee der Hautfarbe.
Schaumküsse sind in Deutschland seit dem 19. Jahrundert als „Negerköpfe“ (abgeleitet aus der lingua franca: „tête de nègre“) bekannt. Der Begriff „Mohrenkopf“ ist wohl erst seit dem 20. Jahrhundert nachweisbar.3 Der Bestandteil „Mohr“ stammt daher offensichtlich von „Neger“ und nicht von „Moritz“. ABER: Es gibt eine weitere Süßspeise aus dem 18. Jh. namens „Mohrenkopf“, die jedoch wenig mit besagtem Schaumkopf zu tun hat. Doch auch diese ist mehrheitlich schololadenbraun gefärbt.4

2. Die Figur des Heiligen Mauritius

Um die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen zu betonen, zählt Eberhard Geisler Details zur Figur des Heiligen Moritz auf. Er behauptet beispielsweise, dass Mauritius als Heilkundiger galt und so zum „Patron der Apotheker“ wurde.

Zu dieser Aussage konnte ich während meiner Recherche keine Belege finden. Auf Übersichtsseiten zu kirchlichen Heiligen wie heiligenlexikon.de wird Mauritius bspw. als Patron „der Soldaten, Waffen- und Messerschmiede, Kaufleute, Färber, Hutmacher, Tuchweber, Wäscher und Glasmaler; der Pferde und Weinstöcke; in Kämpfen, bei Pferdekrankheiten; gegen Besessenheit, Gicht und Ohrenleiden“ bezeichnet.5 Die Berufsgruppe der Apotheker fehlt hierbei, obgleich ihm durchaus positive Wirkung bei genannten Erkrankungen nachgesagt wird. Als Schutzpatrone der Apotheker sind in der katholischen Kirche jedoch vielmehr „Cosmas und Damian, Michael, Johannes von Damaskus und Nikolaus bekannt.6
Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet ein Geistlicher in diesem Punkt mit falschen Fakten arbeitet. Es drängt sich daher der Verdacht auf, dass Herr Geisler das angebliche Schutzpatronat von Mauritius für Apotheker nur erfunden hat, um seine Behauptung zur Ethymologie der „Mohrenapotheke“ zu stützen. Diese Behauptung kann somit ganz eindeutig als Fake News bezeichnet werden.

3. Der „Mohrenkopf“ als ehrendes Symbol des heiligen Mauritius

Pfarrer Geisler behauptet weiter, der Mohrenkuss sei „ursprünglich das Portrait des Heiligen Mauritius.“

Wie bereits unter Punkt 1 nachgewiesen, handelt es sich beim „Mohrenkopf“ (in welcher Form auch immer) um eine Süßspeise, die ihren Namen offensichtlich aufgrund ihrer schokoladenbraunen Färbung erhalten hat. Natürlich ist durchaus möglich, dass damit zugleich dem Heiligen Moritz gedacht werden sollte. Allerdings gibt es zumindest im Internet keinerlei Hinweise darauf, dass das Backwerk in kirchlichen Bereichen besondere Beachtung erhielt.
Und ganz ehrlich: Ist es nicht abwegig, dass eine recht billig-süßlich schmeckende und in simpel-klobige Form gespresste Zuckerspeise als Verehrung („Portrait“!) für einen Heiligen dienen kann? Hinzu kommt, dass die Heiligenverehrung in Form einer ikonischen Darstellung auf oder durch ein als Massenware produziertes Backwerk sicherlich kaum die Fürsprache der Gläubigen und Kirchenvertreter finden würde!

4. Die Stellungnahme von Herrn Geisler zu meinen Rechercheergebnissen

Nachdem ich bei meiner Recherche auf diese Ungereimtheiten gestoßen war, konfrontierte ich Herrn Geisler mit meinen Ergebnissen und bat ihn, dazu Stellung zu nehmen und mir ggf. belastbare Literatur oder Quellen zu nennen.

Leider erhielt ich keine persönliche Rückmeldung auf meine Fragen, sondern lediglich eine Antwortmail, die offenbar an einen größeren Adressatenkreis geschickt wurde. Sie lautete wie folgt:

Besonders auffällig fand ich hierbei folgende Aussage:

„[Der Beitrag] war eigentlich dazu gedacht, etwas Versachlichung in die Debatten um politische Korrektheit zu bringen, wo man sich leider hauptsächlich moralisch empört, statt auf Nachdenklichkeit und Argument zu setzen.“

Pfr. E. Geisler in seiner Mail an mich vom 11. Februar 2019

Das Anliegen, in öffentliche Debatten eine Versachlichung zu bringen, ist sicherlich respektabel. Es stellt sich jedoch die Frage, was sachlich daran sein soll, seinen eigenen Standpunkt mit Falschbehauptungen zu untermauern!

Weder ist/ war Mauritius der Patron der Apotheker, noch leitet sich der Begriff „Mohrenapotheke“ vom Heiligen Moritz her, und zuletzt ist auch der „Mohrenkopf“ selbstverständlich keine Ikonisierung von Sankt Moritz! Herrn Geislers Behauptungen sind wissenschaftlich nicht belegbar und aus theologischer Sicht definitiv falsch! Man kann in diesem Zusammenhang zweifelsfrei feststellen, dass es sich bei dem Kommentar von Herrn Geisler um nichts anderes als Fake News handelt! Seine Argumentation ist fehlerhaft und folglich vollkommen ungeeignet, um zur Versachlichung einer Debatte beizutragen, denn Argumente sind nur dann etwas wert, wenn sie begründet und belastbar sind. Herr Geisler hat seinem Anliegen also einen Bärendienst erwiesen!

Ein viel größeres Problem ist jedoch, dass Pfarrer Geisler die Folgen seiner Aussagen überhaupt nicht einschätzen kann. Zwar kritisiert er, dass insbesondere die AfD Chemnitz seine Argumentation mit Freude aufnahm. Er realisiert jedoch nicht die gesellschaftliche Tragweite seiner Äußerung. Er übersieht, dass sehr viele Leute den Worten eines Geistlichen unhinterfragtes Vertrauen entgegenbringen. Wenn er diesen Leserbrief schreibt, der auch noch oberflächlich eine theologische Argumentation in die Sprachdebatte einbringt, dann sind die Leser sicher, dass das die Wahrheit ist. Wenn Herr Geisler allerdings Fake News publiziert, glauben die Menschen folglich diese Fake News! Er gibt dann falsche Informationen an seine Leser weiter, die durch diese multipliziert werden und so rasant Verbreitung finden. Das trägt nicht zu einer Versachlichung der Debatte bei, sondern fördert ihre die emotionale Polarisierung! Um sich die empörten Reaktionen auf Kritik vorzustellen, bedarf keiner großen Fantasie: „Wie kann man die theologisch fundierte Argumentation eines Geistlichen anzweifeln?“ „Wieso sollte ein Geistlicher lügen?“ „Jetzt stellen sich die Sprach-Nazis, Weltverbesserer und Gutmenschen erneut gegen das Christentum!“

Wenn Herr Geisler rational vertretbare Argumente für die Beibehaltung des Wortes „Mohr“ finden sollte (die gibt es möglicherweise!) und diese seiner Haltung entsprechen, dann sollte er die nutzen, um seinen Standpunkt plausibel zu machen! Damit können er zur Versachlichung der Debatte beitragen, indem er nämlich Sprachwissen und rational begründetes Denken kombiniert und an die Menschen weitergibt.

Wer sich jedoch auf erfundene, pseudo-logische Argumente beruft, der fördert Unwissen und emotional aufgeladenen Streit innerhalb der Bevölkerung. Und nicht zuletzt macht derjenige sich lächerlich, sobald seine Aussagen entlarvt werden.

Text veröffentlicht unter Lizenz CC BY-SA 4.0

Bildquelle (Beitragsbild): pixabay, Pixabay Lizenz
Bildquelle (Screenshot): Mail von Herrn E. Geisler vom 11. Februar 2019 an mich


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