An anderer Stelle in diesem Blog habe ich bereits zum Thema „generisches Maskulinum“ Stellung bezogen und es aus lingustisch-wissenschaftlicher Sicht hinterfragt. Jüngst heute hat die Twitter-Abteilung der Tagesschau die Problematik für Ihre Leser ungewollt sehr transparent gemacht. Sie hat nämlich zu einem Bericht über eine Studie zum Thema Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in ihrer Tweet-Überschrift ein generisches Maskulinum gewählt, das die eigentliche Aussage die Untersuchung verdeckte. Das möchte ich an dieser Stelle kurz ausführen.

Im Detail ging es um folgenden Tweet von @tagesschau.de:

Twitter-Screenshot; siehe https://twitter.com/tagesschau/status/1187664161968398336

Es handelt sich hierbei um ein Thema von äußerster Prägnanz:

  • Es handelt sich bei sexueller Belästigung um einen Straftatbestand nach § 184i StGB, welcher durch das Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung präzisiert wird.
  • Im Rahmen der Gleichstellungsgesetzgebung wurde dieser Straftatbestand explizit noch einmal als besondere Form der Benachteiligung ins Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufgenommen und dort in § 3 Abs. 3, 4 ausformuliert.
  • Ganz aktuell wurde das Thema aufgegriffen im Hinblick auf das gerade in Sozialen Netzwerken leider immer häufiger anzutreffende Phänomen des Upskirting. Dabei wird Frauen heimlich eine Kamera unter den Rock gehalten, ein Foto angefertigt und dieses über das weltweite Netz geteilt. Auch dieses unsägliche Vorgehen soll nun durch ein Gesetz zur Straftat gemacht werden.

Daher sind Erhebungen zu dem Thema richtig und wichtig, und es stöst mir jedesmal sehr sauer auf, wenn ich mir die schockierenden Zahlen vor Augen führe. So auch bei diesem Teaser:

Jeder Elfte erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.“

Rein statistisch bedeutet das, dass aus meinem Freundes-, Bekannten- und Familienkreis eine Vielzahl an Menschen bereits Derartiges erleiden musste – ein Gedanke, der mich mit Trauer und Zorn zugleich erfüllt. Völlig unkontrolliert und im Bruchteil einer Sekunde fliegen zig Bilder von Menschen, Männer und Frauen in willkürlichem Wechsel, an meinem inneren Auge vorbei, und bei jeder Person hoffe ich, dass es ihr nicht so erging. Und dennoch: Jeder elfte Mensch, der sich in einem Arbeitsverhältnis befindet, ist zuletzt Opfer sexuellen Missbrauchs geworden…

Dieser Satz täuscht jedoch. Bereits im ersten Satz des Teasers wird diese Zahl nämlich noch einmal präzisiert. Dort heißt es:

„Rund jede achte Frau und jeder zwanzigste Mann ist jüngst am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden.“

Diese Aussage relativiert die Überschrift entscheidend: Frauen werden mehr als doppelt so häufig Opfer von sexueller Belästigung als Männer! Die Gefahr für den einzelnen Menschen hängt also eindeutig vom Geschlecht ab; für weibliche Berufstätige ist die Gefahr deutlich größer als für männliche Mitarbeiter. Dies ist eine entscheidende Feststellung, denn hieraus lassen sich andere Rückschlüsse ziehen, als wenn Frauen und Männer in etwa gleicher Zahl betroffen wären! Gerade im Hinblick auf eine Gleichstellung aller Geschlechter zeigt dieses Ergebnis eine zusätzliche Facette des Thema Diskriminierung von Frauen auf.

Die Überschrift des Tweets gibt diese Erkenntnis jedoch mit keinem Wort wieder. Die Aussage „Jeder Elfte“ suggeriert, dass Männer und Frauen in gleichem Maß betroffen sind, was jedoch nachweislich unzutreffend ist. Folglich handelt es sich hierbei um eine Zusammenfassung, die den Inhalt der Untersuchung unzureichend wiedergibt und so die Realität in erheblichem Ausmaß verzerrt.

Der Ausdruck „jeder Elfte“ ist zudem eindeutig ein generisches Maskulinum, welches sich (der Zusammenfassung halber) auf Männer und Frauen zugleich bezieht. Würde sich die Aussage nur auf Männer beziehen, müsste es schließlich heißen „jeder Zwanzigste“. Dieses generische Maskulinum verbirgt jedoch die entscheidende Wahrheit, dass diese Zahl für 46% aller Beschäftigten in Deutschland schlicht zu positiv ist! Es wäre an dieser Stelle empathielos und mehr als unpassend festzustellen, dass die Gefahr für 54% der Erwerbstätigen „glücklicherweise deutlich geringer ist“, denn auch jeder Mann, der Opfer einer Straftat wird, ist ein Opfer zu viel!

Durch das generische Maskulinum verschwindet jedoch die deutlich erhöhte Gefahr, der Frauen offensichtlich an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt sind, sexuell belästigt zu werden! Denkt man nun etwas weiter, könnte bei einer nächsten Erhebung ein summiertes Ergebnis herauskommen, dass nur „jeder Dreizehnte“ bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren musste. Offensichtlich würde das dann primär als eine Verbesserung der Situation für alle interpretiert werden, selbst wenn sich die Zahlen für Frauen verschlechter und lediglich für Männer deutlich verbessert hätten! Differenzierung ist das A und O, gerade auch bei Überschriften und Zusammenfassungen! Wenn diese auf derart unglückliche Weise verkürzt werden, werden schnell Ergebnisse herausgelesen, die die Realität schlicht nicht abbilden.

Angesichts der aktuellen Diskussion um Gleichstellung auf der einen und gendergerechte Sprache auf der anderen Seite zeigt die Zusammenfassung „Jeder Elfte…“ ganz eindeutig, welche Probleme mit einem generischen Maskulinum verbunden sind. Auch (oder vielleicht: Gerade) die Tagesschau sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen. Nicht um dem generischen Maskulinum die Existenz abzusprechen und sich enorm weit auf die Seite der Gendersprachler zu schlagen, sondern schlicht um keine verzerrten Wahrheiten abzubilden. Das sehe ich als essenzielle Pflicht für alle Medien an, die informieren möchten.

Text veröffentlicht unter Lizenz CC BY-SA 4.0

Bildquelle: pixabay, Pixabay Lizenz

Kategorien: DeutschDigitalesMedien

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