Nur selten werden die Anstrengungen eines Lehrers während des Korrigierens derart lebendig wie in diesem GIF, das auf der Online-Plattform 9GAG veröffentlich wurde:

Es ist offensichtlich, dass der Lehrer während des Korrigierens verschiedenen Stadien durchlebt, bis er seine Arbeit abschließt. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirkt, zeigt sich darin ausschließlich die Sorge und Zuneigung gegenüber seinen Schülern. Was mag in seinem Kopf vorgehen? Der Versuch einer Interpretation:

Vorbereitung und erstes Geplänkel

Der Gesichtsausdruck des tapferen Mannes kann zu Beginn des Videos (wir wollen einmal annehmen, dass er zu diesem Zeitpunkt mit der Kontrolle der Schülerarbeit beginnt) als grimmig oder bestenfalls als skeptisch bezeichnet werden. Hochkonzentriert, den Blick verengt und die Lippen aufeinandergepresst macht er sich ans Werk. Er ist nun gefangen in seiner eigenen Welt, in der es nur ihn und das Papier von ihm gibt: Der Pauker, der weise und gerecht den Kampf um die Leistung seines Schülers annimt. Natürlich weiß er selber am besten, dass er da wohl kaum eine Musterlösung vor sich liegen hat, obgleich er sich andererseits natürlich auch sicher ist, dass seine Schülerinnen und Schüler alles verstanden haben sollten. Diesen mentalen Zwiespalt überbrückt der erfahrene Lehrmeister mit Hilfe einer Schutzhaltung: grundsätzliche Skepsis. Er schraubt seine Erwartungen an die Schülerleistung deutlich herunter, damit sich die potenzielle Enttäuschung in Grenzen hält. Seine Miene hellt sich auch nicht auf, als er erkennt, dass die erste Aufgabe korrekt gelöst wurde – man soll schließlich nicht den Tag vor dem Abend loben!

Hoffnung kommt auf

Bei der folgenden Lösung ist offensichtlich, welche Mühen der Kollege im Kampf mit dem Schriftwerk seines Schützlings auf sich nimmt: Er lässt sich mit Ausdauer auf dessen Text ein und versucht die Ausführungen nachzuvollziehen. Nach außen sichtbar wird dies durch die umwälzenden Bewegungen seiner Hände, die zwar ein inhaltliches Vorankommen abbilden, zugleich aber auch die Mühsal des argumentativen Stockens verdeutlichen. Zwischendurch scheint der Pauker den Gedankengang seines Schülers gar überhaupt nicht mehr ganz nachvollziehen zu können, findet dann aber dank seiner Routine glücklicherweise wieder den benötigten Zugang. Zufrieden ist der Lehrer mit dem, was die Schülerin oder der Schüler da geschrieben hat, jedoch wahrlich nicht, es ist ihm offensichtlich zu umständlich oder zu ausschweifend formuliert. Allerdings scheint er mit der Lösung auch nicht unzufrieden zu sein, denn sein Blick lässt einen Funken Hoffnung erahnen. Er hakt die Lösung als richtig ab.

Heftige Rückschlage

Mit zögerlichem Optimismus wendet sich der Kontrolleur der zweiten Seite zu. Doch was er dort vorfindet, lässt ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Gesichtszüge entgleiten: Die Mundwinkel fallen ins Bodenlose, legt die Stirn in Furchen und der Magister schüttelt mehrfach den Kopf, ganz so, als sei er von den Antworten des Schülers angewidert. Er lässt die Schultern fallen und muss sich gar mit dem rechten Ellbogen auf dem Tisch abstützen, so sehr schockiert ihn das, was er da lesen muss. Seine Finger zeigen, was er von den Lösungen hält: Alles Wischi-waschi! Der gute Eindruck der ersten Seite ist im Nu verflogen und die Chance auf eine ansehnliche Arbiet nun vertan. Es frustriert den Lehrer sichtlich! Doch auch hier zeugen seine Mimik und Gestik weniger von Wut als vielmehr von seiner Enttäuschung: Da hat der Pennäler eben noch andeuten können, was möglicherweise in ihm steckt, und jetzt liegt er mit seinen Antworten derart falsch! Es martert den alten Herrn regelrecht, diese Seite begutachten zu müssen, weshalb er sich geschwind der nächsten zuwendet. Schlimmer kann es ja nicht mehr werden!

Das Blatt wendet sich

Dort erwartet ihn im Grunde Erfreuliches: Die Antworten auf Seite 3 scheinen allesamt korrekt zu sein. Dennoch sitzt der Schmerz über das soeben Erlittene offensichtlich immer noch zu tief, als dass sich das Gemüt des Mentors nach außen hin so schnell aufhellen könnte. Innerlich freut er sich jedoch nach der Enttäuschung von Seite 2 über diese Leistung sicherlich. Deshalb ist er selbstverständlich gewillt, seinem Schützling noch eine Chance zu geben. Die letzte Seite, die letzte Aufgabe zählt, alles oder nichts!

Der Tutor legt sich ein letztes Mal ins Zeug. Er beugt sich tief über das Papier, damit ihm auch nichts entgeht, er verkrampft gar im Hadern mit der Argumentation seines Schülers. Dann kommt er zu einem Ergebnis – doch Halt! Zweifel an seiner Entscheidung überkommen ihn, der Lehrer überlegt noch einmal! Nochmals geht er verschiedene Lesarten durch, wie die Antwort des Schülers zu verstehen sein könnte. Er wägt unter vollem Körpereinsatz ab: Wäre es gerecht, die Antwort als falsch zu werten, obwohl sie im Grunde den Kern der Sache trifft? Kann man sie vielleicht doch noch durchgehen lassen, weil die Idee richtig ist, aber eben noch nicht schulmeisterlich ausgearbeitet? Der Lektor ringt mich sich und kommt schließlich zu seinem Ergebnis: Ja, diese Antwort ist richtig, und das letzte Teilstück sowieso! Der Gesichtsausdruck erhellt sich, die Bewegung kehrt in seinen breiten Oberkörper zurück und man ist geneigt, in dem tonlosen Video einen tiefen Seufzer der Erleichterung zu hören.

Die finale Berurteilung

Es bleibt der abschließende Blick auf den Test. Gewissenhaft zählt der Pädagoge die richtigen Antworten zusammen und berechnet blitzschnell das Endergebnis. Ein letzter Zweifel keimt in diesem Moment in ihm auf: Ist das auch wirklich die Zensur, die dieser Test verdient hat? War ich zu hart oder gar zu gutmütig? Egal – dieser Mann hat genügend Erfahrung gesammelt und weiß, dass er sein Bestes gegeben hat. Diese Schlacht hat er erfolgreich geschlagen, und dabei sowohl hart geurteilt als auch Gnade vor Recht ergehen lassen.

Unweigerlich wirft er einen letzten Blick in Richtung des Schülers. Er starrt finster über den Rand seiner Brille hinweg und seine Lippen zeichnen einige unverständliche Worte nach. Verflucht er sich, dass er der Faulheit seines Zöglings mal wieder zu gutmütig gegenübergetreten ist? Entweichen ihm Worte der Erkenntnis, dass der Schüler niemals wird erahnen können, welche Anstrengungen er für ihn auf sich genommen hat? Richtet er ein feuriges Gebet an die Schulgötter, seine Schüler doch mit ein wenig mehr Grips und Leistungswillen zu segnen? Wir wissen es nicht.

Was wir aber sehen, ist das Wohlwollen, das dieser Lehrer für seine Schüler an den Tag legt. Er trägt sein Herz offen nach außen, sodass wir Zeuge werden, wie er mit jeder falschen Antwort herzerschütternd leidet und wie jede richtige Lösung seine Stimmung deutlich hebt. Er bewertet die Antworten seiner Schützlinge streng, aber zeigt auch Milde, wo er Milde vertreten kann. Er weiß, dass seine Schüler keine perfekten Menschen sind. Dennoch ist er getrieben, auf dieses Ideal hinzuarbeiten, denn er weiß, welches Potenzial in den Kindern steckt. Am Ende ist er sich aber bewusst, dass diese Schlacht noch nicht das Ende des Krieges um Wissen und Unwissen bedeutet, und dass er noch so manches Gefecht für seine Schüler wird schlagen müssen. Mit der Ernergie, die er bei dieser Korrektur gezeigt hat, kann niemandem bange sein, dass er noch viele Schlachten erfolgreich wird schlagen können.

Text veröffentlicht unter Lizenz CC BY-SA 4.0

Bildquelle (Beitragsbild): pixabay, Pixabay Lizenz
Bildquelle (GIF): 9GAG


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