„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Friedrich Schiller, Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), 15. Brief (zitiert nach Wikiquote)

Das Spiel als ureigener Ausdruck des Menschseins – so formulierte es Friedrich von Schiller im ausgehenden 18. Jahrhundert. Nun gilt er nicht als Universalgelehrter wie sein Zeit- und Schreibgenosse Goethe, doch seinem Ausspruch wird man wohl kaum widersprechen. Gerade und insbesondere im Spiel zeigt der Mensch sein wahres Gesicht und ist im wahrsten Sinne des Wortes er selbst.

Doch ausgerechnet unseren Kindern möchten wir dieses Menschsein scheinbar nur mit Abstrichen zugestehen. Wer hat als Schüler*in nicht regelmäßig den Satz gehört: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“, wenn es um das Thema Hausaufgaben ging? Schulische Arbeit hatte und hat stets Vorrang vor Freizeit und vor dem Spielen, so ist es seit Urzeiten, „das Mensch Sein“ muss warten. Das ist umso erstaunlicher, da es grundlegendes Ziel von Schule ist, Kinder und Jugendliche zu individuellen und zur Gesellschaft beitragenden Menschen auszubilden.

Glücklicherweise haben schon Generationen von Lehrer*innen die Wahrheit hinter Schillers Aussage erkannt und das Spielen bereits im 19. Jahrhundert in den Schulunterricht integriert. Ein Blick in die Welt des Tierreichs reicht schließlich um zu verstehen, dass das Spielen eine natürliche und effektive Möglichkeit ist, Lernerfolge zu erreichen.

Seit einigen Jahren gibt es für dieses methodische Konzept einen Fachbegriff: Gamification. Darunter versteht man den Einsatz spielerischer Elemente in nicht-spielerischen Kontexten, wie z.B. dem Unterricht. Zur Frage, welche verschiedenen Formen der Gamifizierung es gibt, haben sich namhafte Pädagogen und Lernpsychologen ausführlich Gedanken gemacht, z.B. Nando Stöcklin oder Mitglieder der Digitalen Gesellschaft NRW. Nachdem auch ich mich nun mit dem Thema auseinandergesetzt habe und es im Unterrichtskontext ausprobiert habe, möchte ich von meinen Erfahrungen zu gamifiziertem Unterricht berichten.

Die Ausgangssituation

Vor etwas mehr als 8 Monaten habe ich meine aktuelle Klasse übernommen, die sich aus nicht ganz zwei Dutzend recht agilen Viertklässlern zusammensetzt. Ihre bisherige Schullaufbahn stand nicht unter dem besten Stern, denn die Klasse musste mehrere Klassenlehrerwechsel überstehen. Ich fand somit 22 nette Kinder vor, die jedoch ein eher ungünstiges und unstetes Verständnis von Lernorganisation und Unterrichtsatmosphäre hatten. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde jede*r Einzelne nur so viel (mit)arbeiten wie unbedingt notwenig, und kooperative oder kommunikative Unterrichtsphasen verliefen für alle eher störend als lernförderlich. Da mir die Basics des Primarstufenunterrichts nicht vertraut waren, beschloss ich, ein spielerisches Unterrichtsszenario auszuprobieren, um das Klassenklima zu verbessern.

Mein Grundgedanke war folgender: Der Unterricht sollte in ein übergeordnetes Spiel eingebettet sein, in welchem die Schüler*innen durch das Bearbeiten verschiedener Aufgabenstellungen Belohnungen erhielten und beim Missachten von Regeln sanktioniert würden. So sollten sie für Verhaltensregeln sensibilisiert und zu einer angemessenen Arbeitshaltung angeregt werden. Das Spiel sollte von außerhalb des Spielfelds (= Klasse/ Lerngruppe) so wenig wie möglich beeinflusst werden können, und die Belohnungen als auch die Bestrafungen sollten zwar im Rahmen des Spiels viel, aber nach außen so wenig Bedeutung wie möglich haben. Dies sollte die Kinder zur Mitwirkung animieren.

Meine Ziele

Jede Lehrkraft legt in ihrem Unterricht andere Schwerpunkt, insbesondere hinsichtlich des erwünschten Schülerverhaltens. Mein Ideal einer lernförderlichen Klassenatmosphäre kommt dem 4K-Modell des Lernens recht nahe. Gerade in besonders heterogenen Lerngruppen wie meiner Klasse halte ich für unabdingbar, dass die Schüler*innen wissen, wie sie zielführend kooperativ arbeiten. Sie sollen die Möglichkeit und Fähigkeit haben, sich in Arbeitsphasen regelmäßig auszutauschen, sei es um gemeinsam eine schwierige Aufgabe anzugehen oder um sich gegenseitig zu helfen. Wertschätzende und konstruktive Rückmeldung gehört für mich ebenfalls dazu, denn so lernen sie, sich kritisch mit sich und ihrer Umwelt zum Wohle aller auseinanderzusetzen. Im Idealfall sind die Kids auch motiviert, freiwillig mehr zu arbeiten und sich auch einmal mit Spaß an der Sache gänzlich an neuen Aufgabenformaten zu versuchen.

Das Belohnungssystem sollte daher folgende Ziele verfolgen:

  • Verbesserung der Arbeitshaltung (regelmäßiges Anfertigen von Hausaufgaben, aktive Mitarbeit)
  • Anregung zum Nachfragen und Korrigieren
  • Förderung von Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung
  • Motivierung zur freiwilligen Beschäftigung mit Lernmaterialien

Das „Coin-System“

Bei der konkreten Umsetzung meiner Überlegungen bediente ich mich am Konzept des Unterrichtsspiels Classcraft. Hierbei handelt es sich, sehr verkürzt gesprochen, um eine digitale Unterrichtsplattform, die das Unterrichtsgeschehen in ein Spiel verwandelt. Jede*r Schüler*in wird zu einer Spielfigur und kann während des Unterrichts Punkte sammeln, die sie/er im Verlauf der Stunde für andere Dinge einsetzen kann. Bei negativem Verhalten gehen allerdings auch Punkte verloren. Durch den Wechsel von Belohnung und Saktionierung sollen erwünschte Verhaltensweisen gefördert werden. Da Classcraft jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht zu meiner Klasse passte, modifizierte ich das System ein wenig.

Kernelement meines Systems sind bunte Glas- oder Muggelsteinchen, die ich Coins nenne und die die Funktion der Punkte aus Classcraft übernehmen. Diese können die Schülerinnen und Schüler sich durch positives Verhalten und das Absolvieren von Bonusaufgaben („Quests“) erspielen. Dazu gehört u.a.:

  • Erledigen von freiwilligen Zusatzaufgaben (z.B. Leseblätter, Logik-Rätsel, Abschreibübungen,…)
  • Übernehmen von Mehrarbeit (z.B. Klassendienste)
  • Unterstützen anderer als Lernhelfer
  • Beantworten besonders schwerer Fragen
  • Finden und Verbessern von Fehlern an der Tafel und in Unterrichtsmaterialien
  • Schreiben von Beiträgen im Klassenblog

Zu Beginn der Woche erhält jedes Kind einen (zu Beginn des Experiments waren es zwei) Coins als „Startguthaben“, weiteres Guthaben muss erspielt werden.

Die Coins können prinzipiell jederzeit für materielle Dinge eingetauscht werden. Zur Auswahl standen bislang:

  • „Spielzeit“ während Arbeitsphasen
  • selbständige Beschäftigung am Computer (z.B. im Klassenblog oder einer Lernwerkstatt)
  • Süßigkeiten
  • kleine Spielereien (z.B. lustige Radiergummis, Stifte, Schlüsselanhänger,…)
  • Kinder- und Jugendbücher
  • Teilnahme an klasseninternen Verlosungen
  • ein besonderes Kleidungsstück in der Klasse tragen (z.B. eine Mütze)

Die Schülerinnen und Schüler können sich mit Hilfe der Coins außerdem „Arbeitserleichterungen“ verschaffen. Diese sind jedoch deutlich „teurer“ und jeweils an Bedingungen geknüpft:

  • Hausaufgabenfrei kann nur für die ganze Tischgruppe eingetauscht werden, und mindestens zwei Kinder der Gruppe müssen von ihren Coins investieren.
  • einen „Tipp während des Tests“ gibt es nur für viele Coins und ein einziges Mal pro Schüler*in
  • die ganze Klasse kann „ein Ergebnis für alle prüfen lassen„, was jedoch auf Aufgaben mit wenigen Punkten beschränkt ist
  • andere Klassenereignisse (z.B. Unterrichtsspiele, Vorlesestunden) können nur ertauscht werden, wenn die Mehrzahl der Mitschüler*innen einverstanden ist.

Zugleich dienen die Coins mir als Lehrer dazu, negatives Verhalten zu sanktionieren. So muss eine Schülerin/ ein Schüler Coins abgeben, wenn sie/ er Hausaufgaben nicht vorzeigt, anhaltend den Unterricht stört oder andere Kinder beleidigt oder verletzt. Weitere Sanktionen erfolgen immer dann, wenn das Fehlverhalten besonders gravierend oder wiederholt aufgetreten ist.
Wenn ein Kind keine Coins mehr hat, um Abbitte für ein Fehlverhalten zu leisten, erfolgen automatisch weitere Sanktionen, die in der Regel zu Mehrarbeit für die Schülerin/ den Schüler führen.

Verlauf und Ergebnis

Das Belohnungssystem ist nun seit etwas mehr als 7 Monaten im Einsatz und findet nach wie vor großen Zuspruch von Seiten der Schülerinnen und Schüler. Natürlich wird zu Wochenbeginn stets der Guthaben-Coin eingefordert, aber es werden auch jede Woche Mehrarbeiten geleistet, die dann von mir rückgemeldet und belohnt werden. Hier haben sich vor allem Logicals und andere Rätsel bewährt, auf die es zeitweise einen echten Run gab. Inzwischen versuchen sich alle im Schreiben eigener Texte im Klassenblog, wofür sie aufgrund des Mehraufwands nicht nur mit einem, sondern mit bis zu drei Coins belohnt werden.
Das Abgeben von Coins bei Fehlverhalten läuft ebenfalls problemlos, zumal es mir die Mühe erspart, spontan möglichst sinnvolle und lehrreiche Konsequenzen zu finden. In Einzelgesprächen haben mir die Kinder rückgemeldet, dass sie diese Form der Strafe für einmalige Vergehen außerdem als gerechter empfinden als die direkte Sanktionierung bspw. durch Mehrarbeit. Coins zu verlieren sei zwar ärgerlich, aber eine faire „letzte Warnung“ vor härteren Sanktionen.

Besonders positive Effekte
  1. Das kooperative Arbeiten innerhalb der Lerngruppe hat deutlich zugenommen. Jungen wie Mädchen stehen jederzeit zur Verfügung, um Mitschüler*innen bei Schwierigkeiten zu unterstützen. Die Kommunikation in Arbeitsgesprächen ist in der Mehrzahl der Fälle eine echte Kooperation: Es werden Ideen ausgetauscht und Ergebnisse verglichen, nur selten fällt auf, dass Lösungen einfach nur weitergegeben werden.
  2. Die Kinder nehmen positiven Einfluss auf die Lernatmosphäre. Sie weisen sich gegenseitig darauf hin, wenn sie sich nicht an Klassenregeln halten und schreiten auch bei Konflikten ein. Sie geben sich aber auch immer häufiger ermutigende Rückmeldung, wenn sich die Möglichkeit ergibt. [Etwas weniger Fehlerorientierung wäre zwar schön, aber das gelingt selbst und Lehrkräften nur zuweilen.]
  3. Das Klassenklima hat sich deutlich gebessert, was mir insbesondere auch von den anderen Lehrkräften rückgemeldet wird, die in der Klasse sind. Gelobt wird dann insbesondere, dass die Schüler*innen füreinander einstehen und Zusammenhalt zeigen. Besonders transparent wird das in Momenten, wenn ein Kind wegen störenden Verhaltens Coins abgeben muss, aber selber keine Coins mehr besitzt. Dann setzen sich oftmals Mitschüler*innen für den Übeltäter ein und leihen einen Coin, um ihm die Mehrarbeit zu ersparen. Erstaunlicherweise sind das dann mitunter sogar Kinder, die mit den Sanktionierten nur wenig zu tun haben. Dieser Hauch von Altruismus tut einer Klassengemeinschaft sicher ganz gut. Fast schon täglich kommt es außerdem vor, dass Schüler*innen ihre Coins für ein kleines Geschenk oder eine Süßigkeit eintauschen, um damit einem anderen Kind eine Freude zu machen.
  4. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich über den Unterrichtsstoff hinaus mit Schule und Lernen. Wann immer ich lustige oder spielerische Zusatzübungen anbiete, finden sich Kinder, die sich die Aufgaben zumindest einmal anschauen oder sie ausprobieren. Natürlich gibt es Einzelne, die diese freiwilligen Angebote häufiger als andere nutzen, aber alle Schülerinnen und Schüler haben im Laufe des Schuljahr mehrmals freiwillig mehr gemacht als auf dem Wochenplan stand.
Unerwartete Entwicklungen und meine Lösungsansätze

Es war natürlich nicht zu erwarten, dass mein Unterrichtsprojekt durchweg reibungslos funktionieren würde. Tatsächlich musste ich zu mancher Gelegenheit die Bedingungen etwas anpassen.

Nach etwa 3 Monaten reduzierte ich die Zahl der Guthaben-Coins pro Woche von 2 von 1 Coin pro Schüler*in. Mein damit verbundenes Ziel war, die Mehrarbeit noch ein wenig anzukurbeln, denn ich erhoffte, dass die Kinder den nun fehlenden Coin pro Woche durch eine kleine Zusatzarbeit kompensieren würden. Am gleichen Tag brachte ich außerdem lustige Radiergummis mit, um die Kids zusätzlich zu motivieren, sich Coins zu verdienen. Leider trat dieser Effekt nicht ein, denn die freiwillige Mehrarbeit steigerte sich nicht merklich. Stattdessen gaben alle ihre Coins nun jedoch seltener und gewissenhafter aus oder sparten sie lieber. Das war zwar nicht das erhoffte Ziel, aber Mäßigung ist ja auch keine allzu schlechte Charaktereigenschaft.

Bis zum heutigen Tag sehen meine Schüler*innen es außerdem kritisch, dass sie ihre Coins nicht einzeln gegen „hausaufgabenfrei“ eintauschen können. [Ich bin der Meinung, dass man Schülern immer wieder verdeutlichen sollte, dass Hausaufgaben keine willkürliche Zusatzarbeit sind; Hausaufgabengutscheine vermitteln aber genau dieses Bild.] Zwischenzeitlich vergaßen dann plötzlich einzelne Kinder recht häufig ihre Aufgaben und „bezahlten“ dies anschließend mit einem Coin. Das war geschickt, denn so fanden sie doch eine Möglichkeit, mittels Coins an „Hausaufgabenfrei“ zu kommen. Daraufhin hob ich die Sanktion für fehlenden Hausaufgaben jedoch auf 2 Coins an. Offensichtlich waren ihnen die Coins dann doch zu schade, denn die Zahl der vergessenen Hausaufgaben sank wieder merklich. Seitdem legen die Tischgruppen lieber einmal im Monat zusammen um hausaufgabenfrei zu machen.

Es gibt nach nun mehr als einem halben Jahr einige Kinder, die ein ansehnliches „Guthaben“ an Coins angespart haben (20 oder mehr!). Das liegt mitunter daran, dass diese Kinder auch ohne Belohnungen sehr fleißig sind und selten negativ auffallen, sodass sie verhältnismäßig häufig belohnt werden. Das größte Problem für das Unterrichtsspiel ist jedoch, dass die Tauschangebote für sie nicht reizvoll sind und somit ein essenzieller Teil des Spiels für sie wegfällt. Für diese Schüler*innen habe ich zwar hin und wieder Besonderheiten angeboten, beispielsweise besondere Bücher, aber wirklich zufriedenstellend ist diese Situation nicht. Deshalb ermutige ich sie regelmäßig, ihre Coins auch im Sinne der Gemeinschaft einzutauschen, was dann auch immer mal wieder umgesetzt wird.

Was mir außerdem aufgefallen ist

Zu Beginn lief das Unterrichtsspiel etwas schleppend an. Deshalb habe ich am Ende der ersten drei Wochen für alle sichtbar Zusatzcoins an die Schüler*innen verteilt, die etwas Besonderes geleistet oder sich besonders positiv verhalten haben. Dabei habe ich ausführlich erläutert, warum ein Kind einen zusätzlichen Coin erhält. Im zweiten Schritt habe ich diese Aufgabe dann an die Schüler*innen selber übertragen mit dem Auftrag, einem anderen Kind einen Coin zu geben, das ihr/ ihm in dieser Woche geholfen hat oder etwas Tolles geleistet hat. Diese Aktion kam sehr gut und und die Kids lieben diese Aktionen bis heute. Natürlich habe ich einen Blick darauf, dass die Coins nicht einfach zwischen zwei Kindern getauscht werden, und manchmal rege ich insbesondere die Leistungsträger der Klasse, eher schwächere oder traurige Kinder zu belohnen. Alle empfinden es als äußerst wertschätzend, von ihren Mitschüler*innen gelobt zu werden; die Kinder loben aber auch selber gern und können inzwischen recht gut konstruktives Feedback geben (Fremdreflexion).

Das Konzept des Coin-Systems war ursprünglich auch deutlich stärker reglementiert. Es gab gut gemeinte Beschränkungen hinsichtlich der Tauschangebote (z.B. nur 2x pro Woche Süßigkeiten pro Kind) und strikte Vorgaben, wie viele Schüler*innen für eine Gruppenaktion wie viele Coins beisteuern mussten. Diese Regeln waren dadurch mit einem enormen Organisationsaufwand für die Klasse und mich verbunden. Beispielsweise führte ich Listen, wer wann Coins gegen was und für wen eingesetzt hatte, um hierbei den Überblick zu behalten. Nach einigen Wochen ließ ich diese Buchführung sein jedoch und vertraue seither meinem Gefühl und der Ehrlichkeit meiner Schüler*innen, dass sie nicht über die Stränge schlagen.
Auch die Bereitstellung von Tauschgütern gestaltet sich recht aufwändig. Zwar erlauben mir die Erziehungsberechtigten, kleinere Beträge hierfür aus der Klassenkasse zu nehmen, jedoch kostet es dennoch verhältnismäßig viel Zeit, die Dinge zu besorgen. Einge Präsente fanden auch nicht den erhofften Zuspruch, aber so habe ich schonmal einen kleinen Fundus für die Abschiedsgeschenke am letzten Schultag.

Deutlich unterschätzt hatte ich von Anfang an, wie viele Freiräume ich den Schüler*innen für bestimmte Tauschangebote einräumen muss. Zwar finde ich die Idee nach wie vor hervorragend, dass ein Kind nach oder sogar während einer Arbeitsphase mit einem Freund etwas spielen kann. Leider bieten sich hierfür nicht alle Unterrichtsphasen an, zumal wenn in Gruppen gearbeitet werden soll oder die Schülerinnen und Schüler am Ende ein dezidiertes Ziel erreicht haben sollen. Bevor ein Kind dieses Lernziel nicht erreicht hat, ist es anderen nur schwer vermittelbar, dass es sich nun trotzdem anderweitig beschäftigen kann, doch zugleich erscheint es dem tauschwilligen Kind nicht fair, dass es nun nicht spielen darf, wenn die Regeln das doch erlauben. Natürlich besteht hier immer die Möglichkeit für einen Kompromiss, aber dennoch führte dies im Laufe der Wochen dazu, dass diese Tauschangebote nur sehr selten angenommen wurden (oder besser: werden konnten). In deutlich freieren Unterrichtsszenarien sind solche Tauschoptionen sicherlich deutlich besser einsetzbar als in einem eher strukturierten und gelenkten Unterricht wie meinem.

Fazit:

Rückblickend betrachtet bin ich der Meinung, dass das Coin-System seinen Zweck erfüllt hat und immer noch erfolgreich läuft. Das Klassenklima hat sich deutlich verbessert, was sich insbesondere in den kooperativ-kommunikativen Unterrichtsphasen, aber auch im Umgang miteinander außerhalb des Klassenunterrichts zeigt. Die Kids halten nun deutlich stärker zusammen und refektieren sehr treffend ihr eigenes und das Klassenverhalten. In Konfliktgesprächen hören sie sich gegenseitig zu und finden regelmäßig passende und auch kreative Lösungsansätze. Fast alle Schüler*innen suchen inzwischen selbständig Unterstützung durch Mitschüler*innen oder Lehrpersonen, wenn sie bei einer Aufgabe nicht weiterkommen, und stehen zugleich für andere zur Verfügung, wenn diese Hilfe benötigen. Die Mehrheit der Lernenden leistet regelmäßig freiwillig Mehrarbeit, ohne vorher gezielt dazu animiert worden zu sein oder im Anschluss direkt auf die Belohnung durch den Coin zu pochen; sie zeigen also auch das Interesse, sich über den Unterrichtsstoff hinaus mit schulischen Materialien zu beschäftigen.

Natürlich muss man bei einem solchen Fazit immer relativierend im Blick behalten, dass diese positiven Effekte nicht bei jedem Kind in gleichem Maß erkennbar sind. Einzelne sind nach wie vor recht kreativ, wenn es darum geht, möglichst wenig zu arbeiten, und andere haben immer noch ihre Probleme im angemessenen Umgang mit Mitschüler*innen. Gerade im Bereich der sozialen Kompetenz haben aber alle Kinder Fortschritte gemacht, was sich an den zahlreichen Momenten zeigt, in denen sie sich etwas Gutes zukommen lassen, sei es die Hilfe bei einer Aufgabe oder eine Handvoll Gummibärchen.

Mit der Entwicklung der einzelnen Kinder sowie der Klassengemeinschaft bin ich daher sehr zufrieden. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich das Konzept so beim nächsten Mal genau so wieder in eine Klassen einbringen würde.

Ich habe mir deshalb drei Stellschrauben vorgenommen, an denen ich das Konzept bei einem nächsten Einsatz überarbeiten möchte:

  • Vor den nächsten Unterrichtseinsatz werde ich sowohl die Regeln deutlich überarbeiten und reduzieren. Diese waren zu Beginn zwar durchaus sinnvoll und durchdacht, schränkten aber Schüler*innen wie Lehrer*innen mehr ein als für ein Belohnungssystem sinnvoll, zumal aufgrund des organisatorischen Aufwands. Erstes Ziel wird daher sein, das Coin-System so zu gestalten, dass es mir und den Schüler*innen innerhalb eines Regelkanons mehr Freiheiten lässt
  • Die Coins haben im Laufe des Schuljahres die Rolle einer „Klassenwährung“ bekommen, mit der sie sich Süßigkeiten und Gegenstände „kaufen“ können. Das war auf keinen Fall ein erwünschter Effekt. Verstärkt wurde dies dadurch, dass die Coins als Glassteinchen dinglich erfahrbar sind und daher schnell mit „Geld“ assoziiert wurden. Die gleiche Schwierigkeit bestünde jedoch mit Sicherheit auch bei einem virtuellen Punkte-Guthaben wie bei Classcraft. Das Problem liegt meines Erachtens in den materiellen Gegenwerten, die sie für Coins erwerben können. Diese waren über das Schuljahr gesehen deutlich beliebter als die ideellen Tauschangebote, zumal sie greifbarer sind als kleine Arbeitserleichterungen (abgesehen von „hausaufgabenfrei“). Damit blieb die Motivation der Kinder jedoch vornehmlich auf einem extrem extrinsischen Niveau. Mein zweites Ziel wird daher sein, die immateriellen Tauschangebote stärker in den Fokus der Kinder zu rücken und materielle Angebote zu reduzieren.
  • Das Konzept krankte über das Schuljahr gesehen daran, dass es für die Schüler*innen insgesamt zu wenig Abwechslung bot. Dadurch ging das zu Beginn deutlich gesteigerte Interesse einzelner Kinder, an dem eigenen Lern- und Sozialverhalten zu arbeiten, sichtbar wieder verloren. Salopp gesagt: Mit etwas mehr Kreativität von meiner Seite hätte ich aus den Kids noch mehr rausholen können. Drittes Ziel wird daher sein, mehr Abwechslung in das Unterrichtsprojekt zu bringen. [Ideen habe ich bereits: bestimmte Zusatzarbeiten (vielleicht auch individuell zugeschnittene) wochenweise besonders zu belohnen, attraktive Tauschaktionen als Event anzubieten, mehr Freiheiten in meine Unterrichtsplanung integrieren,…]

Text veröffentlicht unter Lizenz CC BY-SA 4.0

Bildquelle (Beitragsbild): pixabay und pixabay, Pixabay Lizenz
Bildquelle (Muggelsteine): pixabay, Pixabay Lizenz


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