Im letzten Schuljahr testete ich zum ersten Mal den Einsatz eines Blogs 1 im Unterricht. Genauer gesagt: Ich ließ meine Viertklässler:innen bloggen. Wie wir das Projekt angingen und wie es lief, davon will in in diesem Blogbeitrag berichten.

Bloggende Schülerinnen und Schüler? Davon hört man immer häufiger, aber noch gibt es wenige Erfahrungsberichte. Eins vorweg: Dieser Beitrag wird diese Unterrichtsmethode nicht umfassend darstellen können, dafür war der zeitliche Umfang von 4 Monaten eindeutig zu kurz. Er soll vielmehr dazu beitragen, dass ich selbst meine Ideen und Gedanken zum Thema ein wenig strukturieren kann, und er darf gern auch als Impulsgeber für andere LuL dienen.

Arbeit mit einem didaktisierten Blog

Für den Unterrichtsversuch habe ich den IDeR-Blog genutzt, eine didaktisierte Blogging-Anwendung. Im Rahmen von Deutsch-Fortbildungen habe ich das Angebot kennengelernt und daher den Entschluss gefasst, den Blog auszuprobieren. [An dieser Stelle soll gesagt sein, dass ich mich zum Ende des besagten Schuljahres zum Multiplikator für den IDeR-Blog habe weiterbilden lassen. Dafür erhalte ich, außer persönlicher Erfahrung, keinerlei Gegenleistung; ich diene interessierten Lehrkräften vielmehr als Impulsgeber und „Erklärbär“ und gebe den Entwicklern Anregungen aus meiner Praxiserfahrung weiter.] Die Idee des IDeR-Blog ist simpel: Die Schüler:innen sollen beim Bloggen en passant Rechtschreibkompetenzen schulen. Hierzu wird jeder Blog-Beitrag in einem mehrstufigen Prozess erstellt:

  1. Die Schülerin/ Der Schüler gibt ihren/ seinen Text über die Oberfläche der IDeR-Blog-Seite ein.
  2. Nach dem Absenden erhält sie/ er umgehend eine Rückmeldung über (potenzielle) Schreibfehler und hat die Möglichkeit, diese Fehlerstellen zu bearbeiten.
  3. Wenn diese erste Überarbeitung abgeschlossen wurde, leitet der/ die Lernende den Beitrag der Lehrkraft zu.
  4. Die Lehrkraft überprüft den Blogbeitrag formal und inhaltlich und gibt eine Rückmeldung. Wenn er so veröffentlicht werden kann, gibt sie ihre Freigabe.
  5. Die Schülerin/ Der Schüler soll den Beitrag auf Grundlage der Rückmeldung nochmals überarbeiten und ihn erneut der Lehrkraft zuleiten. Wenn das nicht notwendig ist, kann die/ der Autor:in entscheiden, ob sie/ er ihn veröffentlichen möchte.

Die Umgebung des IDeR-Blogs bietet allerdings noch mehr, die v.a. das Rechtschreiblernen in den Blick nehmen:

  • Schreibanlässe für Kinder, die gern schreiben, denen aber manchmal der zündende Gedanke fehlt
  • individuelle oder lerngruppenweite Rückmeldung an die Lehrkraft zu Fehlerschwerpunkten
  • individuelle oder lerngruppenweite Übungsformate, die auf die Bedürfnisse der Zielgruppe (einzeln oder klassenweit)zugeschnitten sind, sowohl in analoger, als auch in digitaler Form
  • Selbstlernkurse zu Rechtschreibphänomenen mit analogen oder digitalen Übungsformaten

An dieser Stelle muss ich jedoch ein Eingeständnis machen: Unseren Klassenblog habe ich weniger Rechtschreibdidaktisch, sondern vielmehr mit Blick auf Textsorten und Mediennutzung eingesetzt. Diese Entwicklung war zu Beginn noch nicht abzusehen, bot allerdings aus meiner Sicht für die Schüler:innen die größere Lern- und Schreibmotivation. Wie es dazu kam, wird hoffentlich im Folgenden deutlich.

Der Unterrichtsversuch

Die Einführung

Im Verlauf des 1. Schulhalbjahres baute ich, unregelmäßig aber immer häufiger, digitale Medien in den Unterricht ein. Das war für meine Viertklässler:innen, die Klasse hatte ich im August übernommen, offensichtlich neu, zumindest äußerten sie sich in dieser Form (abgesehen von: „Wir gehen seit dem 1. Schuljahr einmal in der Woche in den Computerraum, um dort in *Name einer Schulverlags-Software* zu arbeiten.“). Nun, das änderte sich nach ein paar Wochen der Eingewöhnung: Lernquizzes und -chats standen regelmäßig auf dem Unterrichtsplan (vor Klassenarbeiten auch als „Apps der Woche“ für zu Hause), fester Bestandteil des Klassenraums wurde ein mobiler Beamer, an den ich täglich mein Tablet anschloss und woran im Plenum gearbeitet werden konnte, und wir absolvierten u.a. ein Projekt zum Thema Cyberbullying. Für die Kids waren diese Themen und Werkzeuge im Grunde nichts Neues, allerdings kannten sie deren Einsatz im Unterricht offensichtlich nicht. Hieran ließ sich für Schulleitung und Kolleg:innen anschaulich demonstrieren, dass inhaltlich wie technisch ein krasser Unterschied zwischen privater und schulischer Lebensrealität existiert, wodurch möglicherweise tonnenweise Lernchancen verpasst werden.

Ende Februar startete schließlich der Blogging-Versuch. Der Klassenblog wurde von mir so eingestellt, dass nur die Kinder der Klasse und ich als Lehrkraft Zugriff auf die Beiträge hatten. Wir stiegen mit einer gemeinsamen, ganz rudimentären Erkundung der Oberfläche der IDeR-Blog-Seite ein. Nach dem gefühlt hundertsten „Wann dürfen wir denn jetzt enlich schreiben???“ ließ ich die Schüler:innen an Einzelgeräte und sie meldeten sich mit ihren individualisierten Nutzerdaten 2 – selbstgewählten Nicknames statt echtem Namen, die auf einem eigenen Blogger-Ausweis notiert waren – an. Als Hilfestellung erhielten alle Schüler:innen ein Arbeitsblatt mit spielerischen Aufgaben, welche Sie durch die wichtigsten Funktionen der Seite führen sollte. Diese erste Projektphase (angesetzt waren drei Einzelstunden + eine Hausaufgabe) sollte eigentlich in der Veröffentlichung eines ersten Beitrags enden – jede:r sollte ein Posting aus 2-3 Sätzen schreiben, in welchem die/ der Schüler:in sich kurz vorstellte und begründete, warum sie/ er sich auf die bevorstehenden Fastnachtsferien 3 freute. Die Kids zeigten sich sehr eifrig und begeistert, und so konnten die ersten Texte noch während der Erprobungsstunde freigeschaltet werden, sodass wir uns den Blog auch „in Action“ gemeinsam ansehen konnten. Damit waren die Kids noch nicht fertig, denn sie blieben weiter auf dem Blog und schrieben weitere Versuchsbeiträge. Doch wenige Minuten später zeigte sich, dass ich die Schüler:innen unterschätzt hatte. Bei der Suche nach dem Grund für plötzliches Getuschel und Gelache bemerkte ich nämlich, dass die Kinder beim Ausprobieren der Plattform die Kommentar-Funktion entdeckt hatten – die Funktion wollte ich in einer Folgestunde einführen – und nun begannen, Kommentare unter bereits veröffentlichte Postings abzusetzen. Bei der Vorbereitung der Einheit hatte ich vollkommen aus dem Blick verloren, dass meine Schützlinge durch Social Media bereits mit dieser Funktion vertraut waren, diese hier zielgerichtet suchten und schließlich auch nutzten! Fantastisch! Und gefundenes Fressen für mein selbstreflektierendes Ego…:roll:

Ab diesem Tag wurde regelmäßig von der Klasse gebloggt. Nicht täglich, sondern meist spontan oder zu Schwerpunkten wie den folgenden.

Blog-Themen und Highlights
Worüber schreiben?
Schulische und Klassenaktivitäten

Einer der ersten freien Blogbeiträge war der Bericht einer Schülerin von unserer Harry Potter-Lesenacht. Eigentlich nur ganz beiläufig hatte ich am Veranstaltungsabend erwähnt, dass das ja sicher ein lohnenswerter Anlass für ein Posting sein könnte. Die Schülerin kam dann am Folgetag auf mich zu und erkundigte sich, wie sie denn so einen Bericht schreiben könnte. Ich gab ihr also ein paar Tipps zu Form und Inhalt (ich-/ wir-Perspektive, zeitliche Reihenfolge beachten, 1-2 Höhepunkte etwas genauer, persönliches Fazit am Ende). Danach hörte ich etwa eine Woche nichts mehr von der Idee (ich befürchtete schon, dass die Schülerin von meinen Hinweisen evtl. erschlagen war 😳 ), bis mir schließlich ihr Beitrag zur Überarbeitung angezeigt wurde. Besonders toll: Es war ihr gelungen, alle meine Tipps zu beachten, und lediglich einige kleine, vom Blog nicht erkannte Schreib- und Tippfehler steckten noch im Text[4. Der IDeR-Blog arbeitet mit einem integrierten externen sowie einem eigenen, noch sehr rudimentären Wörterbuch, weshalb von der App nicht alle Schreibfehler erkannt oder gar zugeordnet werden können.), die ich angesichts des erfreulichen Niveaus ohne weiteren Kommentar kurzerhand selbst ausbesserte. Am nächsten Tag erzählte ich ihr, wie begeistert ich von ihrem Text war, und bereits mittags stand der Beitrag für alle lesbar im Blog. Ein sehr schöner Start!
Ähnlich gute Texte gab es dann zum schulinternen Ostermarkt und zu unserer Saarlandfahrt. Es hätte sicher deutlich mehr Anlässe zum Schreiben gegeben, aber die haben wir leider (auch angesichts anderer Projekte) nicht in Textform umgesetzt.

Blogtexte als Übungsform

Eine deutlich größere Zahl an Schüler:innen nutzten mein Angebot, Blogbeiträge zu aktuellen Unterrichtsthemen zu schreiben. Am besten kam hierbei mein Vorschlag an, dass jede:r seinen Lieblingswitz in den Blog schreiben könnte. Die einzige von mir gestellte Bedingung war: Es musste direkte Rede im Witz vorkommen (fachlicher Lerninhalt: Zeichenfolge bei direkter Rede; Nutzung der richtigen Tasten für Anführungszeichen). Dieses Angebot wurde rege genutzt, von einigen Schüler:innen sogar mehrfach! Leider machte mir hier die Überprüfungssoftware des Blogs jedoch einen Strich durch die Rechnung, da absurderweise die Anführungszeichen untenstehend wie obenstehend nicht als sinnvoll gesetzte Redezeichen erkannt wurden und somit konsequent als Fehler markiert wurden. Daher musste ich sehr viele Beiträge eigenhändig rückmelden; ein Mehraufwand, den ich so nich eingeplant hatte. Erfolg dennoch: Wir hatten eine Menge Spaß mit dieser Aufgabe und die Kids gaben sich viel Mühe, ihre Witze ordentlich einzutippen.
Eine ganze Reihe von Blogbeiträgen wurde im Verlauf der vier Monate auch gar nicht im Fließtextformat geschrieben; denn diese Postings beinhalteten Wortketten oder Einzelsätze, die ein Rechtschreib- oder grammatisches Phänomen thematisierten. So sollten die Schüler:innen beispielsweise eine bestimmte Anzahl an Begriffen aus Wortfamilien oder Wortfeldern notieren. Diese Beiträge konnten dann auch im Unterricht zeitökonomisch besprochen werden, bei einigen wurden von Mitschüler:innen per Kommentar im Voraus oder im Nachgang weitere Wörter eingänzt, was für die Beitragsersteller wie auch für andere Leser ein enormer Mehrwert war. Das Thema Zeitformen wurde ebenfalls in dieser Form thematisiert, genau wie Rechtschreibthemen (möglichst lange Sätze mit Nominalendungen wie -heit, -keit, -nis, -ung).
Mein persönlicher Höhepunkt waren jedoch die Blogbeiträge, die zum Thema Gruselgeschichten eingereicht wurden. Hier hatten die Schüler:innen die Möglichkeit, ihre Kreativität auszunutzen und von mir zugleich Rückmeldung zu den relevanten Kriterien der Textsorte zu bekommen. Eine Schülerin hatte eine wirklich fantastische Geschichte vorbereitet, stieß beim Schreiben jedoch auf eine (mir vorher unbekannte) Zeichenbeschränkung. Nach meiner Rückmeldung an die Betreiber des Blogs wurde diese umgehend angehoben, sodass die tolle Gruselstory ihren Weg in den Blog fand. Geschickterweise nutzte die Schülerin meine Tipps für die Blog-Geschichten augenscheinlich für eine thematisch ähnliche Gruselgeschichte in der Klassenarbeit – Lernerfolg eindeutig erreicht! Andere Schüler:innen hatten 1-2 Runden Überarbeitung durchzustehen, konnten dann aber auch ihre Geschichten veröffentlichen.
Wir konnten also ein große Zahl unterschiedlicher Aspekte des Unterrichts in den Blog integrieren, worauf ich besonders stolz bin. Nicht jeder Versuch war von Erfolg gekrönt und viele Blogbeiträge verharrten im Überarbeitungsstatus, aber am Ende konnten wir auch im Blog noch einmal die Unterrichtsthemen des letzten Halbjahrs Revue passieren lassen.

Private Themen

Immer wieder wurde der Blog durch Beiträge aufgelockert, in denen die Lernenden auf freiwilliger Basis Hobbies, Interessieren, private Erlebnisse oder schlicht ihren Alltag thematisierten. Ein Schüler berichtete mehrmals von Fußballspielen und Fußballcamps, eine Schülerin von einem Ferienausflug an die belgische Küste, eine andere wiederum von unerwartetem Chaos am Flughafen beim letzten Sommerurlaub, und vornehmlich Jungen schrieben gern über Online-Games. Digitale Medien wurden überhaupt auffällig häufig thematisiert, weshalb die Schüler:innen über die Osterferien einen Beitrag mit folgender Aufgabenstellung schreiben durften: Erstelle ein Rätsel: Beschreibe deinen Lieblingsstar so genau wie möglich, aber auch so kurz wie möglich! Die Kids legten sich hierbei wirklich ins Zeug und beschrieben Sportidole, Musiker:innen, aber eben auch eine große Zahl (mir teilweise bis dato unbekannter) Stars, die durch das Internet groß geworden sind, beispielsweise Streamer/ Let’s Player, Influencer oder Musiker. Die Kommentarfunktion wurde dafür genutzt, die bereits geposteten Rätsel zu lösen bzw. Tipps abzugeben. Diese Aufgabenstellung machte, meinem Empfinden nach, allen am meisten Spaß, zumal sie etwas schreiben konnten, worüber sie sich gut auskannten und wobei ihnen kaum Vorgaben gemacht wurden.

eigene Grafik, Lizenz CC0

Eine Schülerin brachte uns in mehreren Beiträgen die Erlebnisse auf dem heimischen Hof näher. Im Zentrum standen stets ihre Hühner, um die sie sich täglich rührend kümmerte – mit mehr oder weniger Erfolg, wie sie auf amüsante Weise berichtete. Diese Texte waren sowohl unterhaltsam, als auch informativ, wie ein Mitschüler ihr bescheinigte: „F., mit deinen Texten lernt man voll viel über Hühner! Freu mich schon auf den nächsten Beitrag!“ Diese Texte waren auf so vielen Ebenen für die Klasse lehrreich, dass ich das an dieser Stelle gar nicht aufschlüsseln möchte. Besonders wichtig ist mir aber folgender Hinweis: Die Schülerin hatte nicht den besten Stand in der Klasse und war im Unterricht eher unauffällig. Durch ihre Blogbeiträge lernten alle, auch ich!, sie von einer ganz anderen, absolut positiven Seite kennen. Ich bin überzeugt, dass dies auch für das Mädchen ein ganz besonders schönes Erlebnis war!

Daneben boten gerade die privaten Texte aber auch oftmals Gelegenheit, mediendidaktische Fragen zu thematisieren. Eine Schülerin schickte mir beispielsweise einen Beitrag über ihre beiden Schäferhunde. Der Text wirkte unglaublich sachlich und so gar nicht, wie ich die Schülerin kannte, weshalb ich einzelne Textausschnitte per Suchmaschine nachrecherchierte. Dabei entdeckte ich, dass sie für Posting überwiegend Ausschnitte aus einem Fachtext zu Schäferhunden übernommen hatte. Am nächsten Tag schob ich daher eine Stunde zum Thema Urheber- und Nutzungsrecht ein, in der die Schüler:innen gemeinsam erarbeiteten, warum man fremde Texte nicht einfach so für eigene Beiträge nutzen darf – selbst wenn sie doch bereits im Internet stehen. Die Schülerin hat ihren Beitrag daraufhin überarbeitet, und so klang er dann auch viel mehr nach ihr. Ein anderer Schüler schrieb einzelne Sätze zu Städten im Saarland aus dem Schulbuch ab und ergänzte jeweils, ob, wann und mit wem er selbst schon einmal an diesem Ort war. Daraufhin überlegten wir gemeinsam, wie man diese kurzen Textübernahmen sinnvoll referenzieren kann, was der Schüler dann auch so machte.

Hin und wieder kam es auch vor, dass einzelne Schüler:innen ganz private Erlebnisse und Gedanken in ihren Beiträgen äußerten. Hier waren Einzelgespräche für mich das Mittel der Wahl um mit der/ dem jeweiligen Autor:in gemeinsam zu überlegen, ob wirklich die ganze Klasse dies lesen und wissen darf bzw. soll. Im Klassenrat thematisierten wir zweimal ganz grundsätzlich, inwieweit Informationen über Dritte öffentlich gemacht werde dürfen. So wurden die Jungen und Mädchen (hoffentlich) auch ein wenig für das Thema Privatsphäre sensibilisiert – ein Thema, das gerade bei der Nutzung von Social Media besonders wichtig ist.

Es gab aber gerade am Anfang natürlich auch eine nicht zu verachtende Zahl an ungeeigneten Beiträgen. Vielen Schüler:innen war das Medium Blog eher unbekannt, weshalb sie ihn vielfach als Forum oder Chat nutzten. Die Problematik konnte anhand dieser Beiträge jedoch gut herausgearbeitet werden. Im Rahmen unserer Anti-Cybermobbing-Vereinbarung haben wir daher auch Regeln zur Nutzung des Blogs aufgestellt.

Fazit

Rückblick auf den Unterrichtsversuch

Insgesamt betrachtet bin ich mit diesem ersten Versuch recht zufrieden. Blogs waren für mich bis zu diesem Zeitpunkt etwas, was ich zwar regelmäßig konsumierte, was mir jedoch kaum in didaktisierter Form über den Weg gelaufen war. Daher habe ich einiges schlicht ausprobiert und mich in diesem ersten Anlauf auf das angeleitete sowie auf das freie Schreiben als Prozess fokussiert. Den Schüler:innen habe ich auf der einen Seite immer wieder recht genaue Vorgaben mitgegeben, wie ein Beitrag zu Thema X aussehen sollte, um ihnen möglichst konkrete Hilfestellung zu geben und (bei Sprachthemen) auch eindeutige Lernerfolgsrückmeldungen zu einem bestimmten Unterrichtsinhalt zu ermöglichen. Zwischendurch habe ich aber auch häufig mit möglichst wenig Anleitung arbeiten lassen, um die Kreativität der Schüler:innen in den Fokus zu rücken. Die Lernziele konnten hierbei von Beitrag zu Beitrag individuell variieren, explizit im Vordergrund stand bei mir bei jeder/ jedem einzelnen Schreiber:in und Beitrag ledich affektiv, bei den Kindern die Lust am Schreiben zu wecken und ihnen Raum zu geben, diese Schreiblust (mit begrenzter Öffentlichkeit) auch auszuleben.

Die Möglichkeiten des Blogs zur Rückmeldung der Rechtschreibleistung der Schüler:innen habe ich hierbei fast sträflich unbeachtet gelassen. Hierzu trugen vor allem zwei Faktoren bei:

1. Die wenigsten Schüler haben genügend und ausreichend lange Beiträge geschrieben, so dass eine Fehlerauswertung verwertbar gewesen wäre.
2. Daher habe ich mich auf meine privaten Notizen zu Fehlerschwerpunkten bei den einzelnen Lernenden verlassen und individuelle Rückmeldungen anhand dieser Schwerpunkte gegeben. Lehrerkrankheit, ich weiß…

Auf die Übungsformen habe ich jedoch, an die Diagnosemöglichkeiten des Blogs ungebunden, regelmäßig zurückgegriffen, wenn auch weniger häufig individuell, sondern meist auf einen lerngruppenweiten Fehlerschwerpunkt ausgerichtet. Da ich jedoch ein Fan von situiertem und kontextualisiertem Lernen bin, habe ich kaum eine Vorlage 1:1 übernommen, sondern die meisten Übungen (fast alles sind OER-Ressourcen) an ein aktuelles Unterrichtsszenario angepasst.

Der Einblick in medienrechtliche Themen anhand aktueller Schülertexte machte grundlegende Regeln für die Schüler:innen meinem Empfinden nach besonders nachvollziehbar, da es ja um ihre ganz eigenen Beiträge ging, nicht um fiktive Szenarien, in die sie sich erst mühsam hätten eindenken müssen. Der Blog greift das Thema auf seine Weise auf, indem einerseits das Hochladen von Bildern (zumindest aktuell) nicht möglich ist, und andererseits die/ der Schüler:in das letzte Wort hat, ob ein Text veröffentlicht wird. (Aus jenem Grund wurden in diesem Blogbeitrag auch bewusst keine Texte der Schüler:innen veröffentlicht.)

Perspektivisch: Weitere Möglichkeiten des Unterrichtseinsatzes

Obwohl wir wirklich viele verschiedene Blogbeitragsformate ausprobierten, sehe ich hier eindeutig Spielraum nach oben. Insbesondere die Schreibanlässe des IDeR-Blogs bieten hierzu echt gute Gelegenheiten, auf die ich jedoch selten zurückgegriffen habe. Bei vielen Schüler:innen hatte ich zudem, trotz aller äußerlicher Begeisterung, bis zum Schluss das Gefühl, dass es ihnen irgendwie doch an Motivation oder die konkrete Ermunterung durch mich fehlte, zu einem bestimmten Thema etwas zu schreiben. Beim nächsten Einsatz dieses (oder eines anderen Blogs) werde ich daher etwas offensiver an die Schüler:innen herantreten und zwischendurch gezielt einzelne ansprechen, ob sie nicht zu einem individuellen Thema etwas schreiben möchten. Aktuell stelle mir das als wöchentliche Rotation vor, sodass jede:r mindestens einmal im Monat einen individuellen Beitrag schreibt.

Auf jeden Fall möchte ich beim nächsten Projekt die eingebauten Diagnose- und Übungsintrumente stärker in den Vordergrund rücken. Dieses Potenzial, sowohl in didaktischer, als auch in ökonomischer Hinsicht, habe ich vollkommen missachtet. Beim nächsten (mit Sicherheit längeren) Unterrichtsprojekt „Blogging“ werde ich in Form eines individualisierten Rechtschreibtrainings darauf zurückgreifen. Dafür werde ich dann die Erziehungsberechtigten stärker ins Boot nehmen und ihnen zeigen, wie sie die Oberfläche auch dazu nutzen können, ihr Kind zum Lernen zu motivieren.

Stichpunkte: Chancen
  • individualisiertes Lernen: SuS setzen eigene Ideen um oder nutzen Anleitungen, erhalten individuelle Rückmeldungen, können private Lernzeit zum Schreiben statt „Pauken“ nutzen
  • differenziertes Lernen: SuS schreiben nach eigenem Leistungsstand, bearbeiten Texte und Übungsformate zu ihrem Fehlerschwerpunkt
  • kommunikatives Lernen: SuS nutzen Kommentarfunktion zur (wertschätzenden) Rückmeldung oder Ergänzung
  • soziales Lernen: SuS entwickeln gemeinsam Ideen und schreiben zusammen mit anderen an Texten, lernen von oder mit anderen (Texten)
  • fachliches Lernen: SuS setzen konkrete Arbeitsaufträge in Blogbeiträgen um, greifen aktuelle (private, schulische oder Unterrichtsthemen) auf und formulieren Texte hierzu, schreiben in verschiedenen Textformaten, nutzen die Rückmeldefunktion des Blogs bzw. der Lehrkraft, arbeiten gezielt an Rechtschreibphänomenen
  • medienpädagogisches Lernen: SuS schreiben mit Computertastatur, lernen das Medium Blog kennen und nutzen seine Funktionen, informieren und nutzen Urheberrecht und Nutzungsrecht, formulieren Kommunikationsregeln für den Blog („Netiquette“)
  • affektives Lernen: SuS nutzen Schreibimpulse und entwicken eigene Schreibanlässe, finden Freude am (freien) Schreiben, teilen sich bei Mitteilungsbedarf in Blogform mit, verarbeiten Erlebnisse In Textform
Mögliche Probleme/ Risiken
  • Zeitaufwand für Schüler:innen wie Lehrkraft bedarf strukturierter Organisation ➡ substituierend einsetzen!
  • sinkende Motivation mit Dauer des Projekts ➡ klare Vorgaben machen, „Fahrplan“ erstellen, der alle SuS einbindet; evtl. Verknüpfung mit Belohnungssystem
  • fehlende Kreativität bei SuS ➡ gezieltes Werben bei einzelnen zu bestimmten Themen/ Anlässen/ Zeiträumen
  • destruktive oder störende Beiträge ➡ Problematisieren, Netiquette formulieren lassen samt Sanktionskatalog
  • Bedenken hinsichtlich Datenschutz, Urheberrecht oder Nutzungsrecht ➡ Sensibilisierung der SuS für medienrechtliche Themen, Einbindung der Erziehungsberechtigten

Text veröffentlicht unter Lizenz CC BY-SA 4.0

Bildquelle (Beitragsbild): pixabay, Pixabay Lizenz
Bildquelle (Kind mit Notebook): pixabay, Pixabay Lizenz
Bildquelle (Gleichung): eigenes Werk, Lizenz CC0

  1. Ich entscheide mich, auch wenn es auch die andere Möglichkeit gibt, das Wort als Maskulinum verwenden – „das Blog“ wird, nach all den Jahren mit „der Blog“ für meine Ohren, wohl für immer ungewöhnlich klingen.
  2. Den vorgeschalteten Datenschutz-Erklärungs-und-Einverständnis-Verwaltungsakt blende ich an dieser Stelle einmal aus; bei Interesse berichte ich hierüber gern privat.
  3. Ja, ich weiß, Winterferien ist der richtige Begriff…

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