Die Jugend wird mit jeder Generation „schlimmer“ – dieses Weltwissen wird bereits seit Hunderten von Jahren über die jeweils nachfolgende Generation geklagt. Hieraus spricht natürlich immer auch eine gewisse Angst vor dem Anderen, dem Neuen, dem Unbekannten, schließlich hat die eine Generation für den Status Quo der Welt gekämpft und ist nun in Sorge, dass die nächste Generation diesen nicht mehr wertschätzt oder erhält. Das gesellschaftlich konservative Element tritt somit ganz deutlich zum Vorschein. Unterfüttert wurde die Kritik an den heutigen Heranwachsenden zuletzt mit dem Vorwurf, sie seien „mainstream“, anti-rebellisch, anhänglich, Smartphone-süchtig, also träge und unpolitisch.

Seit Beginn der Fridays for Future-Demos im Januar dieses Jahres scheint dieses Bild von unserer Jugend ein wenig schief zu sein. Beharrlich gehen nämlich seit Wochen jeden Freitag tausende Jugendliche in Deutschland und überall auf der Welt auf die Straße, um ihrer Forderung nach mehr Umweltschutz Ausdruck zu verleihen. Sie greifen hierfür auf einen astrein demokratischen Akt zurück, nämlich auf die Demonstration. Adressat ist die Politik, aber im Grunde sind die Erwachsenen generell angesprochen, denn sie treffen alle Entscheidungen weltweit.

Man könnte jetzt meinen, dass den jugendlichen Demonstranten nun parteiübergreifend Applaus gespendet werden sollte – immerhin zeigt die Jugend ja ganz ausdrücklich, dass die zu Beginn genannten Vorurteile eben nicht so recht zutreffen (was für interessierte Beobachter übrigens bereits seit Jahren offensichtlich ist!). Doch weit gefehlt! Statt dessen rollt sein Wochen eine mehrstufige Diskreditierungs-Kampagne.

Diskreditierungs-Stufe 1: Klima-Demos vs. Schulpflicht

Groß ist die Zahl der Kommentatoren, die überhaupt nicht auf die Anliegen der Schülerinnen und Schüler eingehen, sondern stattdessen die freitäglichen Demonstrationen in Frage stellen. Zwei Vorwürfe werden hierbei besonders laut und häufig geäußert: 1. Die Demonstrierenden Schülerinnen und Schüler missachten die Schulpflicht. 2. Die Teilnahme an den Demos ist nur ein Vorwand, um die Schule zu schwänzen.

https://www.facebook.com/saarbrueckerzeitung/posts/2830868190286619
https://www.facebook.com/tagesschau/posts/10157379678814407

Angesichts der durchaus durchdachten Meinungsäußerungen im Rahmen der Demonstrationen und der Kreativität bei der Gestaltung von Bannern und Schildern ist offensichtlich, dass es den Teilnehmern mit Sicherheit nicht in erster Linie um schulfreie Tage geht. Es werden vielfältige, ganz klare Statements gezeigt, dass die Jungen und Mädchen mit der aktuellen Politik nicht zufrieden sind, was inzwischen auch von den höchsten Ebenen der Politik anerkannt wird (siehe Statements der Bundeskanzlerin, des Bundespräsidenten oder von Ministerpräsidenten). Die Schulleitungen bundesweit haben außerdem pflichtgemäßg einen sehr genauen Blick darauf, ob und wer es mit dem „Schulschwänzen“ übertreibt. Mehrheitlich scheint es jedoch so zu sein, dass Lehrkräfte und Schulleitungen das Engagement der Jugendlichen begrüßen und zuweilen auch unterstützen. Ein Schulstreik für einen guten Zweck und auf eigenes Risiko scheint für die Verantwortlichen und für die Regierenden zumindest tolerierbar, ohne dass die Schulpflicht als nachrangig angesehen wird.

Diskreditierungs-Stufe 2: Amateure vs. Profis

Anfang März meldete sich der FDP-Vorsitzende Christian Lindner in der Debatte um die Schulstreiks zugunsten des Klimas zu Wort. Er lobte zwar die politische Meinungsäußerung der jugendlichen Demonstranten, fand jedoch, dass diese zu wenig Ahnung von der Thematik hätten und Diskussionen zu Umweltschutz und Wirtschaft den „Profis“ üerblassen sollten. Dieses Argument wurde auch in Diskussionen der Sozialen Medien häufiger angeführt:

https://www.facebook.com/tagesschau/posts/10157379678814407
https://www.facebook.com/taz.kommune/posts/2294596060599449

Diese Aussagen sind in höchstem Maße kritisch. Wie kann man erwarten, dass Jugendliche in einem derart komplexen Themenfeld Profis sind? Sie befinden sich mitten in ihrer (schulischen) Ausbildung und erhalten so erstmals Einblicke in globale Entwicklungen. Sie erwerben gerade die Fähigkeit, eigenes und Fremdverhalten zu reflektieren und anschließend zu beurteilen. Es ist eine Kernkompetenz, Schülerinnen und Schülern zu nachhaltig denkenden und handelnden Menschen zu erziehen, Beurteilungs- und Handlungskompetenz sind die höchsten, aber zugleich die am schwierigsten zu erlernenden Kompetenzen. Nun zeigen die Jugendlichen, dass sie diese Kompetenzen besitzen und einsetzen können. Und nun vermittelt man ihnen, dass das nicht erwünscht ist? Eine solche Haltung ist mit „Arroganz“ noch sehr wohlwollend umschrieben – und sie sendet im schlimmsten Fall ein fatales Signal an die Jugend: „Meldet euch nicht zu Wort, ihr habt keine Ahnung und auf euch hört eh niemand.“

Glücklicherweise veröffentlichten die Scientists for Future bereits wenige Tage später ein Statement, in dem sie den Schülerinnen und Schülern ausdrücklich beipflichteten. In der zu dieser Thematik extra anberaumten Pressekonferenz am 12. März unterstützte der Professor für Regenerative Energiesysteme Volker Quaschning die Jugendlichen mit dem Satz: „Wir sind die Profis, und wir sagen: Die junge Generation haben Recht!“, was in den Medien ein breites Echo fand. Zugleicg wurde die offizielle Stellungnahme der Gruppe inzwischen von mehr als 25.000 Wissenschaftlern weltweit unterzeichnet. und zu bestätigen, dass die Anliegen der Schülerinnen und Schüler berechtigt sind. Die Aussage, dass die Jugendlichen schlicht keine Ahnung von der Materie hätten und sich mit Forderungen zurückhalten sollten, wurde somit eindrucksvoll widerlegt und die Arroganz der Kritiker offensichtlich.

Diskreditierungs-Stufe 3: Die Klima-Verschwörung

Mehrere Tausend Jugendliche treten somit spätestens Februar jeden Freitag in einen „Schulstreik“ und demonstrieren gegen die aktuelle Umweltpolitik und für mehr Naturschutz. Schulen und Lehrer sehen die Streiks während der Schulzeit zwar kritisch, loben aber mehrheitlich den Einsatz der Schülerinnen und Schüler. Zigtausende Wissenschaftler unterstützen die Aussagen der Demonstrierenden, und sogar von den höchsten Politikern Deutschlands erhalten sie öffentliche Unterstützung.

Und dennoch verebbt die Kritik an den jugendlichen Umweltaktivisten nicht. Seit das Schulpflicht-Argument öffentlich widerlegt und somit verbraucht ist, und seit die Sinnhaftigkeit der Forderungen von wissenschaftlicher Seite bestätigt wurde, schießen die Demo-Gegner nun schärfer gegen FFF.

Der nächste Vorwurf lautet: Die Jugendlichen haben kein Recht, für Naturschutz zu streiken und zu demonstrieren, weil sie selber keine Rücksicht auf die Umwelt nehmen. Um dieses Argument zu untermauern, schrecken die Kritiker nicht einmal vor der Verbreitung von Fake News zurück. Das ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten, zeugt aber zugleich von der Brutalität und Verzweiflung, mit denen bestimmte Kreise gegen einen strengeren Klimaschutz ankämpfen.

Ein weiteres Argument: Die Jugendlichen leben doch selber nicht nachhaltig und hinterfragen ihr eigenes Handeln nicht im Hinblick auf die Folgen für die Umwelt. Dieser Vorwurf ist geradezu eine Frechheit. Die heutigen Erwachsenen haben die Jugend in und zu diesem Lebensstil aufgezogen. Sie haben ihnen eben nicht in die Wiege gelegt, Produkte und Handeln zu hinterfragen, global zu denken, sich selbst zurückzunehmen! Sie haben stets alle technischen Entwicklungen als Fortschritt angenommen und gelebt – und ihre Kinder auch in diesem Denken erzogen! Doch nun, wo die Sprösslinge allmählich beginnen unseren Lebensstil zu hinterfragen, machen sie uns zugleich ein schlechtes Gewissen und halten uns deutlich diesen verfehlten Lebensentwurf vor! Und was ist die Antwort der Erwachsenen? „Ihr seid ja auch nicht besser!“ Diese Haltung ist an Zynismus, ja an Erbärmlichkeit nicht zu übertreffen. Wir haben unsere Kinder abhängig nach einen Leben ohne Blick auf Nachhaltigkeit und langfristige Folgen gemacht, und nun halten wir ihnen diese Abhängigkeit vor, nur weil sie beginnen dagegen anzukämpfen und unsere Fehlerhaftigkeit und Verantwortung vor Augen führen?

Wer solche Vorwürfe erhebt, der übersieht das eigentliche Anliegen der Schülerinnen und Schüler: Den Hilferuf an uns Erwachsene, unser aller Lebensstil gemeinsam mit ihnen zu verändern! Nachhaltiger zu wirtschaften! Sparsamer zu produzieren! Schädliches zu vermeiden! Die Kinder haben nicht die Macht, dies zu beeinflussen, also brauchen sie unsere Unterstützung! Dafür gehen Sie jeden Freitag auf die Straße!

Glücklicherweise finden Sie diese Unterstützung: In ihren Lehrerinnen und Lehrern, bei Wissenschaft, Politik und auch bei Verbänden und Organisationen. Diese Jugendbewegung hat eine starke Eigendynamik entwickelt, die Kinder nicht allein koordinieren können. Die Umweltorganisation Plant for the Planet teilt die inhaltliche Ausrichtung von Fridays for Future und unterstützt sie deshalb logistisch und finanziell.

Rechtspopulistische Blogs wie Tichyseinblick oder rechte Mediengruppen wittern aus diesem Grund jedoch eine Verschwörung der Ökolobby: Friday for Future sei abhängig und fremdgesteuert von anderen Öko-Gruppierungen, die Leitfigur der Bewegung, Greta Thunberg nur eine Marionette und die Jugendlichen führten gar einen neuen „Kinderkreuzzug“ an. In dieser Reihe fehlte bislang der Publizist Polemiker Henryk M. Broder, doch just heute hat er seine Fantasie von den gesteuerten und inszenierten Klimademos in Worte gegossen.

Auf alle die bis hierher erhobenen Vorwürfe gibt es zahlreiche, mal besser und mal schlechter gelungene Erwiderungen. Deutlich wird jedoch eines: Die Erwachsenen scheinen ein Problem mit den aufmüpfigen Jugendlichen zu haben, und sei es nur deshalb, weil sie sich von den Kindern nicht in ihre Lebensführung reinpfuschen lassen wollen.

Um die Schülerproteste mundtot zu machen, versuchen seit dem ersten Tag Erwachsene, die Demonstrierenden zu diskreditieren:

  • Sie rücken die Teilnahme an den Demosin den Bereich der Illegalität, woraufhin höchste Stellen die Demos öffentlich begrüßten und dazu ermutigten.
  • Sie sprachen den Jugendlichen Ahnung und Kompetenz ab, sich zu dem Thema zu äußern, woraufhin Fachleute die Aussagen der Gruppierung bestätigten.
  • Nun verbreiten die Gegner von FFF an Lügen und Falschnachrichten und versteigern sich in halbgare bis haltlose Verschwörungstheorien. Glücklicherweise gibt es aber auch hier Institutionen, die diese Spielchen aufdecken und bloßstellen.

Ich persönlich würde mir wünschen, dass noch mehr Erwachsene, und insbesondere noch mehr Lehrerinnen und Lehrer den Jugendlichen den Rücken stärken. Die Anliegen der Schülerinnen und Schüler sind berechtigt, ihr Vorgehen kreativ und mutig, und ihre Ziele sind durchdacht und lobenswert. Genau so wünschen wir uns unsere Schülerinnen und Schüler. Deshalb sollten wir sie bestärken, weiterhin für das Gute einzutreten.

Text veröffentlicht unter Lizenz CC BY-SA 4.0

Bildquelle (Beitragsbild): pixabay, Pixabay Lizenz
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